Was Dir vor der Geburt keiner über Deinen "Körper danach" sagt

Zuallererst einmal muß ich sagen, daß es vielleicht manchmal gar nicht so schlecht ist, vorher nicht alles zu wissen. Sonst würde man sich ja noch mehr verrückt machen. Das Wichtigste ist immerhin, sich mit dem Baby auseinanderzusetzen und das neue Leben zu begrüßen.

Doch auch das weicht irgendwann der Realität. Nämlich der, daß der Post-Baby Körper vielleicht nicht mehr ganz so ist, wie man ihn kennt. Und meistens ist das sehr erschreckend und versetzt die meisten Mamas in eine Art hysterische Betriebsamkeit, dies schnellstmöglich zu ändern.

Wie ich schon ausführlich in anderen Blog Posts beschrieben habe, passiert das ganz oft leider aber auf einem Holzweg, der selten zum Ziel führt und die Mamas noch verrückter macht, weil es nicht funktioniert. 

Aber liebe Mamas, keine Panik, das ist niemandes Schuld. Jede Frau möchte wieder schön sein und körperlich "richtig" funktionieren. Und da hilft es selten zu sagen "Du bist auch so schön und wir lieben Deine Rundungen und Streifen" oder noch besser " Du mußt lernen Dich so zu akzeptieren wie Du bist" oder "Du mußt Dich zuerst selbst lieben" und all sowas.

Ich nenne solche Sprüche ganz gern "Kalendersprüche für Arme". Die helfen selten und sind im schlimmsten Fall einfach nur herablassend. Aber sie leisten ihren unterbewußten Dienst und Frau fühlt sich schlecht und treibt sich selbst an. Und fragt sich dann natürlich in der anderen Dauerhirnschleife, der neben der Schleife mit "warum sehe ich immer noch nicht aus wie vorher?",  warum sie sich nicht, wie all die anderen, so, wie sie ist, akzeptieren und lieben kann. Was das Problem nicht gerade kleiner macht. Das macht noch mehr Streß und Streß macht Bauchfett. Ernst jetzt.

Vielleicht ist das aber auch einfach nur sehr Deutsch? Funktionieren müssen, und dabei gut aussehen und lächeln, auch wenn es gerade keinen Sinn macht.

Wo das herkommt ist aber vielleicht auch bei jedem anders. Wichtig ist, es zu merken und es realistisch anzugehen. Und dann irgendwann die Hirnschleifen abzustellen. 

 

Es gibt ein paar grundlegende Dinge, die ganz normal und natürlich sind nach einer Schwangerschaft und Geburt. Und auch, wenn sie manchmal vielleicht schwer zu akzeptieren sind, sind sie nun mal da. Trotzdem, nur, weil sie normal sind, müssen sie ja nicht auch schön sein oder einem gefallen müssen. Es ist völlig ok zu hadern und es ist völlig ok sich selbst wieder in die Reihe bringen zu wollen. Doch eins nach dem anderen.

 

Ich möchte hier also ein paar Dinge nennen, die völlig normal nach einer Geburt auftreten können, damit weniger Mamas völlig überrascht oder sogar geschockt sind von dem, was da so los ist hinterher und damit es damit weniger Verzweiflung auf der Welt gibt :) 

Und natürlich, damit weniger Frauen sich nach einer Geburt wahnsinnig unter Druck setzen, und dann allerlei komische Sachen machen, weil sie denken sie sind eben nicht normal.

"Normal" ist manchmal nicht ganz angenehm, und das für eine ganze Weile, gehört aber oft dazu. Bootcamp Training und exzessives Pilates hilft da ganz sicher nicht. Das kann ich Euch fast hundertprozentig garantieren.

Und, wenn ich jetzt sage "Augen zu und durch", meine ich das nicht beschwichtigend, sondern wirklich als ganz praktischen Rat. Jede Mama tut das Beste, das sie kann, ganz von selbst. Das weiß ich. Mehr muß nicht sein. Mehr und zu viel ist nicht gut und auch nicht gesund. Also nicht irre machen lassen. Jede so wie sie kann und Kraft hat. Es gibt kein zeitliches Limit für Rückbildung bzw. mit einem angebrachtes Training anzufangen. Auch, wenn es erst 5 Jahre später ist. Damit möchte ich jetzt aber nicht raten alles so lange schleifen zu lassen. Ich will damit nur sagen, daß es höchstwahrscheinlich gute Gründe dafür gab, warum man nicht früher konnte. Genauso gibt es diese Gründe andersrum, wie ich schon oben sagte, warum sich Frauen antreiben und viel zu früh viel zu viel machen. 

Macht Euch deswegen aber nicht noch zusätzlich fertig. Geht nett mit Euch selber um und macht ab morgen dann einfach anders weiter. Oder ab übermorgen ;) 

 

Hier sind nun also die Dinge, die einem keiner vor der Geburt sagt, oder zumindest meistens jedenfalls nicht:

  1. Deine Bauchmuskeln, Deine Beckenbodenmuskeln und Dein Gehirn haben ihre Verbindung zueinander verloren. Um Muskulatur wieder aufzubauen, muß diese Verbindung erst wieder hergestellt werden. Das muß man vorsichtig machen und nicht mit Gewalt. Das ist, als ob das Gehirn und der Bauch/Beckenboden nicht mehr miteinander sprechen. Nicht, weil sie das nicht wollen, sondern weil sie es nicht können. Denn es gibt ja gute, physiologische Gründe dafür. So eine massive Dehnung der Bauchmuskeln ist schon happig. Da braucht der Bauch viel Liebe und Zuwendung und gute Gespräche, damit er wieder reagiert. Nicht Bootcamp. Da würde ich auch nicht mehr sprechen.
  2. Wurde mit einem Kaiserschnitt entbunden, gibt es da eine Narbe, die gepflegt werden möchte und muß. Verwachsungen wollen wir nicht, sondern geschmeidiges Gewebe. Es kann bis zu einem Jahr dauern, bis man die Narbe nicht mehr sieht. Trotzdem kann sie Schmerzen bereiten. Tipp: Schön die Narbe massieren, wenn sie verheilt ist und nicht zu viel heben und tragen. Nicht in die Sonne legen. Da werden Narben dunkel. Ein Jahr warten. An diese prekäre Stelle kommt aber eh weniger direkte Sonne hin.
  3. Situps, Crunches, Planks (also Liegestützen) und intensives Bauchmuskeltraining machen die Bauch-Situation nicht besser. Meistens eher sogar oft das Gegenteil. Man kann Muskulatur, die nicht funktioniert, nicht mit massivem Training dazu zwingen, zu funktionieren. Das benötigt ein ganz anderes Training.
  4. Daß Du nach Monaten immer noch aussiehst als ob Du schwanger wärst (oder zumindest die Möglichkeit besteht nach Monaten noch so auszusehen) liegt meistens daran, daß weder die geraden noch die tiefen Bauchmuskeln "anspringen". Das heißt, Dein Gehirn und Dein Bauch stehen noch nicht in der richtigen Kommunikation miteinander.
  5. Dein Bauch verändert sich auch hormonell und sieht dann einfach anders aus, weil das Gewebe durch die Hormone noch weich ist. Ich nenne das immer einen "Hormonbauch"
  6. Daß es so ein "Ding" gibt, das sich Rektusdiastase nennt. Diese fingerbreite Entfernung der geraden Bauchmuskeln, die dafür verantwortlich ist, daß man in der Mitte des Bauches von oben nach unten der Länge nach in ein Loch fällt. Und, daß diese Rektusdiastase mit verantwortlich dafür ist, daß sich der Bauch nach außen wölbt, wenn man sich auf die Seite dreht oder vom Liegen aufsteht (was ja wie ein Situp ist) zum Beispiel.
  7. Daß Rückbildung nicht nur 6 Wochen dauert. Das ist einer der größten Irrtümer, die es überhaupt gibt. Denn dieser Irrglauben ist das, was die meisten Frauen glauben läßt, sie seien nicht normal und sie müßten sich ganz arg und ganz schnell anstrengen, damit der Zustand "weg geht". Man springt nicht auf nach einer Geburt und alles ist wie vorher. Man springt auch nicht auf und sieht aus wie Heidi Klum ;)  Tatsache ist, daß es dauert so lange es dauert. Und das können gut mal 2 Jahre sein. Je nachdem auch, wann abgestillt wird, wieviel Streß man hat und wie die allgemeine Gesundheitslage so ist. Nicht zu vergessen, die eigene persönliche Hormonlage.
  8. Es kann, muß aber nicht, dazu kommen, daß der Beckenboden beschädigt wird und es kann passieren, daß man in den ersten paar Tagen keine Kontrolle über sein Pipi hat. Manchmal dauert dieser Zustand auch etwas länger. Und ganz manchmal verliert man eine ganze Weile beim Husten, Lachen oder Niesen ein paar Tropfen. Aber das kann man trainieren. Keine Panik.
  9. Es kann passieren, daß man nach einem Dammriß und/oder - schnitt nicht so schnell wieder ganz normal sitzen kann. Und in dem Zug kann es auch passieren, daß es eine sehr große Herausforderung werden kann, das erste Mal zu Toilette zu gehen. Kleiner Tipp: In der Dusche pinkeln und beim Stuhlgang hinten an der Toilette an der Wand anlehnen. Und vor allem keine Zitrusfrüchte essen und viel trinken.
  10. Nach einer Geburt ist die Thrombosegefahr 6x so hoch wie beim Normalmensch, durch den Volumenverlust (Baby + Blut = Volumen). Es ist ganz wichtig viel zu trinken, die Beine zu bewegen, den Kreislauf anzuregen und gut zu atmen.
  11. Es kann auch passieren, daß erst nach der Geburt die Hände und Füße wie verrückt anschwellen. Gerade, wenn man denkt, puh, voll überstanden ;) Das sind die Hormone. Das geht aber meistens nach ein paar Tagen oder zumindest innerhalb der ersten 2-3 Wochen wieder weg. Tipp: Viel trinken und Antithrombosestrümpfe, die bis zur Hüfte reichen, anziehen. Wirkt Wunder.
  12. Daß das Bauch- oder Beckenboden-Problem nicht gelöst werden kann mit einer OP oder mit Abbinden des Bauchs. Da gehört viel mehr dazu. Dazu gehört die Wiederherstellung der ganzen Verbindung des Körpers von oben nach unten und von innen nach außen. Die Haltung, die Beckenstellung, die natürliche Regeneration des Gewebes, die Atmung, feine, kleine Übungen für die tiefen Muskeln und vieles mehr.
  13. Daß viele Probleme entstehen, weil der Druck, der im Bauchraum herrscht, nach unten auf den Beckenboden und von innen nach außen auf den Bauch drückt. "Druckmanagement" ist auch ein Teil der Behandlung bei Beckenboden- und Rektusdiastasenproblemen. Druck im Bauch ist völlig normal. Wenn allerdings genau die Muskulatur, die dafür zuständig ist, diesen Druck auszuhalten, nicht mehr richtig funktioniert, kann es zu Problemen kommen.
  14. Daß es zwar "normal" ist, oder sein kann, nach einer Geburt Beckenbodenprobleme zu haben (sprich Wasser oder Tröpfchen zu verlieren), daß es aber auf gar keinen Fall so bleiben muß. Man muß sich nicht damit abfinden inkontinent zu sein. Man muß sich auch nicht damit abfinden einen Bauch zu haben, der sich in der Mitte teilt. Es gibt soviel mehr, das getan werden kann, als viele Leute wissen. So werden nämlich auch Falschinformationen in Umlauf gebracht.
  15. Eine OP bringt nicht Muskelkraft zurück. Die Übungen bleiben die selben. Und es gibt so wahnsinnig viel, das man zuallererst einmal selbst tun kann, bevor man sich unters Messer legt. Denn auch so eine OP ist kein Zuckerschlecken. Eine OP bedeutet, gerade bei den Bauchraffungen und Straffungen, daß man die ersten zwei Tage in der sogenannten "Beach Chair Position", also mit aufgerichtetem Oberkörper und erhöhtem Fußteil, das Bett nicht verläßt und auch nachts so schläft. Und für die nächsten 8 Wochen fällt jegliche Hausarbeit, Babies tragen, überhaupt irgend etwas tragen oder mal locker einkaufen gehen, völlig flach. Daß man danach nicht fit ist wie ein Turnschuh und die Kondition im Eimer ist, ist klar. Also bitte Vorsicht mit überstürzten Entscheidungen. Wenn man sich später dann doch dazu entscheidet, sollte das sehr gut überlegt sein und gut geplant sein, damit hinterher kein Streß entsteht. Und am besten man übt die Übungen schon vorher, damit auch hier das gehirn weiß, was wo anzuspannen ist. Frisch operiert ist das tausendmal schwieriger.
  16. Der Körper und die Heilung sind viel langsamer als man denkt. Es geht nicht schneller, nur weil man es will und sich antreibt. Also Eile mit Weile. Eine normale Wundheilung dauert, bis alles wieder niet- und nagelfest ist, 12 Monate. In unserem Fall kommt immer noch die Hormonlage dazu und die Dauer des Stillens.
  17. Daß es notwendig ist, sich auch um sich selbst gut zu kümmern. Nicht nur einzig und allein um das Baby.

Es ist nicht eitel oder egoistisch, sich um sich selbst zu kümmern.

Dazu gehört auch, sich um seinen Körper zu kümmern. Dazu gehört auch, daß man einen schönen Körper haben möchte. Und dazu gehört auch ausreichend Schlaf, ausreichend Nahrung, gute Nahrung (dem Baby würde man ja auch nicht nutzloses Zeug füttern), ausreichend Flüssigkeit und ausreichend Abwechslung und Spaß, damit man nicht innerlich abstirbt.

Mütter kommen oft gar nicht mal dazu ihre Grundbedürfnisse zu erfüllen (Essen, Trinken, Schlafen). Alles, was darüber hinaus geht, erscheint sicher oft als unnötig, überflüssig und selbstzentriert. Ist es aber nicht. Die komplette Selbstaufgabe führt im schlimmsten Fall zum Burnout und zu Krankheiten. Oder zu Dauererkältungen und anderer Infektanfälligkeit. Wer lange funktionieren möchte, muß auf sich achten. Dann hat auch das Baby viel mehr davon.

Aber das ist, glaube ich, für viele ein Lebensprojekt, das genau hier anfängt. Das sind grundlegende Lebensthemen, die es zu lösen gilt. Wann komme ich zuerst und wann kommen die anderen? Wieviel kann ich geben ohne auszulaugen. Wo sind die Grenzen? Das kann man nicht von jetzt auf nachher lernen. Das dauert. Und vor allem ist es ein ganz eigenes und anderes Thema für sich.

 

 

 

 

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