Letzte Woche habe ich euch im Newsletter erzählt, wie das "Einzelteil Denken" in der Medizin entstanden ist, über das ich mich immer aufrege.
Für jedes Körperteil gibt es eine eigene Fortbildung und eine eigene Spezialisierung.
Diastase ist Bauch.
Beckenboden ist unten.
Kiefer ist oben.
Rücken ist hinten.
Gehirn ist oben.
Darm ist innen.
Die Ursache, warum mich das so aufregt, ist eigentlich immer die selbe.
Ich hab eine Patientin, die denkt, sie ist nicht normal.
Ich sehe eine Frau nach der Geburt, die total ausgelaugt ist.
Ich höre eine Freundin, wie sie sagt, ich bin zu dick (ich rolle innerlich die Augen und denke: Wo bitte bist du zu dick. Kuck mich an 😂)
Ich sehe die Untersuchungsergebnisse von meinem Vater in denen steht, er wäre "übergewichtig" bei einem BMI von 27. (Mein Vater ist schlank, 76 Jahre alt und fit wie ein Turnschuh. Er geht jeden Tag mehr als 10.000 Schritte. Manchmal sogar 20.000..... was bitte soll dieser Stempel mit dem Übergewicht???)
Unser Medizindenken bringt nicht nur Frauen in Schwierigkeiten.
Der "genormte Mensch" ist für alle ein Problem.
Ich hatte euch letzte Woche erzählt, dass unser heutiges medizinisches Denken aus der Zeit der Hexenverfolgung stammt.
Descartes hat 1637 den Körper zur Maschine erklärt. Körper und Geist wurden getrennt.
Newton hat 1687 gezeigt, dass die Welt sich in Formeln fassen lässt.
Was zählt, ist messbar.
Was nicht messbar ist — gehört nicht zur Wissenschaft.
Das hat die Medizin so übernommen.
Das war die Zeit der "Aufklärung".
Und nicht zu vergessen: Anatomie war..... der Männerkörper!
Kleine Randbemerkung: Erst 2004 (!) wurde gesetzlich festgelegt, dass Frauen in medizinische Studien einzubeziehen sind.
Das ist gerade mal knapp 20 Jahre her.
An den Universitäten, an denen das damals alles entwickelt wurde — saßen Männer.
Frauen waren bis weit ins 20. Jahrhundert nicht zugelassen.
In Deutschland durften Frauen erst ab 1900 überhaupt regulär Medizin studieren. Das heißt: Das Körperbild, mit dem wir heute arbeiten, wurde von Männern gebaut, für einen männlichen Standardkörper. Der weibliche Körper war die Abweichung. Das Andere. Das Komplizierte, das man am besten versucht, in dieselben Schubladen zu pressen wie den männlichen.
Frauen wurden als "kleine Männer" bezeichnet" .
Und parallel dazu, zu dieser neuen "aufgeklärten" Denkwelt von Descartes und Newton damals, wurden systematisch Frauen verfolgt und als Hexen verbrannt. Das nennt man Femizid. Es starben Tausende von Frauen in dieser Verfolgung.
Ich muss das kurz vorausschicken, weil ich dann erzählen will, wie es überhaupt dazu kam und was das mit unserem Heute zu tun hat. Und das ist wirklich wichtig.
Frauen werden, zumindest bei uns, zwar nicht mehr als Hexen verbrannt (in anderen Ländern und Kulturen halt immer noch), aber die Indoktrination und unser Frauenbild, unser Selbstbild, wie schlecht wir selbst mit uns reden und umgehen, was wir teilweise für übermenschliche Sachen von uns erwarten, wie wenig vor allem Frauen mit Kindern gefördert und unterstützt werden, läuft bis heute noch ganz tief.
Das sind die Folgen von 5000 Jahren Patriarchat.
Ja, man könnte denken, ist doch so lange her, aber das zieht sich durch die komplette Geschichte der Frauen bis heute. Du wirst auch gleich verstehen, warum, wenn ich die Geschichte erzähle.
Frauen wurden in den letzten 5000 Jahren nie gut behandelt.
Männer führen immer noch sinnlose Kriege um Macht und Bodenschätze.
Ums mal kurz auf zusammenzufassen.
In Kriege und Waffenhandel fließt so viel mehr Geld als in Frauen, Mütter, Kinder, Schulen, Familien, Care Arbeit, soziale Arbeit oder einfach Unterstützung für Menschen im Allgemeinen.
Mich interessiert immer, wieso ist das so?
Woher kommt das?
Und warum ändert das niemand?
Waren Frauen schon immer unterdrückt?
Kurze Antwort:
Bevor die Wissenschaft das Weibliche aussortiert hat, hat das schon die Religion getan. Und davor gab es tausende Jahre lang nicht besonders viel für Frauen zu holen.
Das, was uns heute formt, immer noch — das Bild vom weiblichen Körper, das Schubladen-Denken in der Medizin, die Selbstentwertung, die Selbstüberwachung, mit der Frauen sich täglich selbst klein halten, das Selbst- Antreiben, der Leistungsdruck — das geht ganz ganz weit zurück.
Die Gründe sind religiös. Sie sind ökonomisch. Und sie sind historisch.
Und das möchte ich heute aufzeigen.
Wie Religionen weltweit Frauen und den weiblichen Körper kontrolliert haben und es teilweise immer noch tun.
Wie die Kirche über 1500 Jahre Strukturen geschaffen hat, ohne die der Kapitalismus später nicht hätte funktionieren können. Den gab's ja noch nicht immer. Das war ja eine gewaltsame Umstrukturierung, der genau mit der Hexenverfolgung zusammenfiel zeitlich.
Wie Hexenverfolgung kein (oder nicht nur) religiöser Wahn war, sondern eine ökonomische Strategie. Und wie Frauen genau in dem Moment, als der Kapitalismus entstand, in die "Hausfrauenrolle" gedrängt wurden, in der wir sie auch heute kennen.
Und wie das alles vor 5000 Jahren entstand.
Vorneweg: Ich bin keine Historikerin, ich hatte nur Geschichte LK und liebe Nerd Stoff. Ich bin keine Theologin und auch keine Ökonomin.
Ich lese viel, ich recherchiere viel und überprüfe Aussagen anhand von verschiedenen Quellen. Mich interessiert das wahnsinnig.
Eben genau, weil wir als Frauen so oft an Grenzen stoßen, die uns von außen aufgedrückt werden.
Ich hab das nie verstanden.
Ich hab auch nie verstanden, woher die so oft gesehene Übergriffigkeit Frauen gegenüber kommt.
Die Gewaltbereitschaft auf körperlicher und auf psychischer Ebene.
Die Erwartungshaltungen Frauen gegenüber.
Das "stell dich nicht so an" Denken.
Das "ich muss ganz schnell ganz viel trainieren und leistungsfähig sein, damit ich nach 6 Monaten einen Marathon laufen kann" Denken.
Und, das verstehe ich jetzt auch besser, dass über die Hardship von Geburten niemand so wirklich redet.
Viele junge Frauen wissen nichts darüber und sind schockiert hinterher, ob der Brachialität einer Geburt und was das alles mit ihrem Körper macht, so eine Schwangerschaft und dann alles hinterher.
War halt ne Geburt...... ist doch das Natürlichste der Welt. So heißt es doch immer.
Wie Frauen von Arzt zu Arzt rennen müssen, damit ihnen mal jemand zuhört und auch bereit ist, eine wirkliche Lösung und Hilfe anzubieten oder zu finden.
Das ist ein Unding immer noch.
Ein absolutes Unding.
Wie immer noch Hilfsmittel, wie Pessare zum Beispiel, belächelt werden und nicht verschrieben werden von Ärzten und Ärztinnen.
Wie Frauen ein Kaiserschnitt ausgeredet wird und sie hinterher die übelsten Verletzungen haben, weil man Kosten senken will.
Wie Abtreibung immer noch strafbar ist.
Das ist keine Frauenorientierte Gesellschaft, unsere.
Sämtliche Traditionen, die Frauen umhegen und pflegen nach einer Geburt sind weg.
Komplett weg. Ersetzt mit leistungsorientierter "Rückbildung".
Rückbildung zu was? Zur Leistung.
Das ist nicht Frauen-orientiert.
Unser Gesellschaftssystem bis heute nicht für Mütter gemacht. (Und übrigens auch nicht für alleinstehende bzw. unverheiratete Frauen. Steuerlich und sozialversicherungsmäßig tragen Singles bei allem die volle Last ohne jegliche Vergünstigungen. Always and forever). Auch das ist ein Überbleibsel aus der Zeit, in der es am besten war "versorgt" zu sein und sich wen zum heiraten zu suchen. Unabhängige, unverheiratete, kinderlose Frauen auch heute noch oftmals hochverdächtig.... und eine Gefahr für alle Ehemänner ... 😉
Vielleicht mag manches, das ich sage, nicht auf die Zahl genau stimmen, aber mir geht es um das Prinzip.
- Das Prinzip der Unsichtbarmachung von Frauen.
- Das Prinzip der Kontrolle von Frauen (reproduktiv, finanziell, geistig, emotional).
- Das Prinzip der Hausfrauisierung von Frauen.
- Das Prinzip der Selbstkontrolle oder des "Self-Policing", obwohl niemand mehr da ist, der dich offiziell einsperrt.
Kurze Erläuterung, da komme ich später noch mal drauf zurück:
Das Ehegattensplitting privilegiert Verheiratete massiv, vor allem wenn einer (faktisch: Die Frau) wenig verdient.
Singles zahlen immer überall den vollen Tarif, kriegen nichts. Das ist seit 1958 so. Das wurde damals eingeführt, um die "Hausfrauenehe" zu fördern. Als die Frauen das, was sie heute zur Hälfte tragen, noch zur Gänze trugen — Care-Arbeit, Haushalt, Kinder — bei voller Abhängigkeit vom Mann.
Das Steuersystem ist also nicht neutral. Es belohnt eine bestimmte Familienform — die patriarchale Versorgerehe — und benachteiligt alle anderen. Alleinerziehende, Unverheiratete, Patchwork-Familien, gleichgeschlechtliche Paare ohne Ehe. Ein Steuerrecht aus den 50ern, das wir 2026 immer noch haben.
So, jetzt zu Adam und Eva.
Teil 1: Religionen und die Frau — ein weltweites Muster
Ich fang mit den Religionen an.
Es geht mir nicht um den Glauben.
Es geht mir darum, was daraus gemacht wurde und wie Vereinigungen von Männern das ausnützen. Es geht mir um die patriarchalen Strukturen in allen Religionen.
Es geht mir darum zu verstehen, was Religionen über Jahrtausende mit weiblichen Körpern, weiblichem Wissen und weiblicher Macht gemacht haben. Über Kulturen hinweg, mit erstaunlicher Konsistenz.
In allen großen Religionen — Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus — finden sich erstaunlich ähnliche Strukturen, wenn es um Frauen und den weiblichen Körper geht. Nicht weil die Religionen gleich sind. Sondern weil das Patriarchat universell ist, und Religionen die Werkzeuge sind, mit denen es sich verfestigt hat.
Es gibt natürlich gewaltige Unterschiede zwischen den Religionen und auch im Vergleich zu früher. Im Detail, in der Theologie, in der heutigen Praxis, im Reformwillen. Es gibt überall progressive Strömungen, reformierte Gemeinden, feministische Theologinnen, die ihre eigenen Traditionen kritisch lesen. Das ist nicht zu unterschätzen.
Aber das Grundmuster — Kontrolle über Frauen, über weibliche Körper, weibliche Sexualität, weibliche Reproduktion — zieht sich durch alle. Und das ist kein Zufall.
Religion ist das Werkzeug einer älteren Macht: Des Patriarchats, das vor den Religionen da war und das sie geformt hat.
Ich konzentriere mich im Folgenden auf das Christentum, weil es uns hier in Europa am direktesten geprägt hat und ich mich damit am besten auskenne. Als alter Katholik. Bevor ich ausgetreten bin.
Und ich sage dir, meine Eltern haben noch geschluckt. Du kannst doch nicht aus der Kirche austreten, was sollen die Leute denken...... und es war damals ein Skandal für meine katholische Oma, dass meine Mutter evangelisch war. Das muss man sich mal vorstellen. Das war nicht vor 300 Jahren. Das war quasi neulich.
Wie das Christentum die Frau zur Sünderin gemacht hat
Eva und der Sündenfall bzw. die Erbsünde.
Wir kennen die Geschichte alle. Und sie hat direkt schon diverse Widersprüche in sich.
Und nur zur Erinnerung: Gott hat die Bibel nicht geschrieben.
Das waren Männer, irgendwann.... das neue Testament viele Jahre nach Jesus' Tod. Das alte Testament..... irgendwann vor ungefähr 2500-3000 Jahren.
Die Eva-Geschichte ist also ungefähr 2.500 bis 3.000 Jahre alt. Geschrieben in einer agrarisch-patriarchalen Gesellschaft des Vorderen Orients. Ältere mündliche Überlieferungen und Wurzeln sind vermutlich noch mal Jahrhunderte älter.
Die Eva-Geschichte ist nicht "das älteste Patriarchat". Sie ist entstanden mitten in der Patriarchatswerdung. Die Historikerin Gerda Lerner (sie ist eine Vorreiterin der Erforschung des Patriarchats), datiert die Entstehung des Patriarchats auf 3100-600 v. Chr. im Vorderen Orient.
Die Eva-Geschichte fällt also mitten in dieser Entwicklung. Das Patriarchat war schon 2000 Jahre am werden als die Geschichte aufgeschrieben wurde.
Anders gesagt: Die Genesis legitimiert ein bereits bestehendes Patriarchat.
Es macht das Patriarchat nicht — es erklärt es theologisch.
Ich komme später noch mal kurz auf Mesopotamien als Wiege des Patriatchats zurück.
Die Hierarchie zwischen Adam und Eva spiegelt die Hierarchie wider, die in den Gesellschaften, die die Genesis geschrieben haben, längst Realität war.
Religion ist nicht der Ursprung des Patriarchats. Sie ist sein Werkzeug.
(Was vorher war und wie es auch gehen könnte, besprechen wir später).
Also Eva.
Es gibt zwei Schöpfungsgeschichten und es gibt zwei verschiedene Widersprüche darin.
Also: Es gibt zwei Schöpfungsgeschichten.
In der Bibel stehen direkt hintereinander zwei verschiedene Schöpfungsgeschichten.
Die erste geht so:
Version 1 (Genesis 1):
"Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie."
Mann und Frau entstehen gleichzeitig, beide sind Ebenbild Gottes, kein Hierarchie-Hinweis, mehr "kosmisch“, ruhig, strukturiert (7 Tage etc.).
Das ist die Version, die sich gleichberechtigt anfühlt.
Version 2 (Genesis 2):
Gott formt Adam aus Erde, haucht ihm Leben ein. Adam ist allein, soll einen "Gehilfen" bekommen. Gott lässt ihn schlafen, nimmt ihm eine Rippe, formt daraus Eva. Sie wird Adam zugeführt.
Das ist die Version, die wir alle kennen. Adam zuerst. Eva als Nachgedanke. Eva aus Adams Körper. Eva als Hilfe für Adam.
Wie kommt das?
Die wissenschaftliche Antwort: Genesis ist kein einheitliches Werk eines Autors. Es ist eine Zusammenstellung verschiedener älterer Quellen, die nebeneinander stehen geblieben sind.
- Genesis 1 stammt aus einer jüngeren Quelle (ca. 6.-5. Jahrhundert v. Chr.),
- Genesis 2 aus einer älteren (ca. 10.-9. Jahrhundert v. Chr.).
- Die Redakteure haben beide einfach drin gelassen.
Was sich durchgesetzt hat — die Rippe, die Hierarchie, die "Hilfe für den Mann" .
Das ist halt aber nur eine der beiden Versionen.
Die gleichberechtigte Schöpfung wurde theologisch leise gemacht. Sie passt nicht zum Patriarchat. Genesis 1 würde eine ganz andere Welt rechtfertigen.
Genesis 2 rechtfertigt die Welt, so wie sie war.
Lilith — die Frau, die nicht in der Bibel steht.
Frühe jüdische Gelehrte hatten genau dieses Problem mit den zwei Schöpfungsgeschichten.
Wie kann beides stimmen? Sie haben sich eine Lösung überlegt — allerdings nicht in der Bibel selbst, sondern in späteren Texten: Es habe zwei Frauen gegeben.
Die erste hieß Lilith.
Wichtig zu wissen: Lilith steht nicht in der Bibel.
Die Geschichte taucht in jüdischen Texten ab dem 8. bis 10. Jahrhundert nach Christus auf — also weit über tausend Jahre nach der Genesis. Im sogenannten Alphabet des Ben Sira, einer mittelalterlichen jüdischen Textsammlung, und später ausgebaut in den Schriften der jüdischen Mystik (Kabbala, Sohar). Lilith ist also keine biblische Figur. Sie ist Folklore, Mythos, mystische Tradition.
Aber ihre Wurzeln gehen viel weiter zurück. In sumerischen und babylonischen Texten — fast 5.000 Jahre alt — gibt es weibliche Wesen mit ähnlichen Namen: Lilitu, Ardat Lili. Nachtgeister, Dämoninnen, Wesen, die nicht zu kontrollieren sind.
Die Geschichte, wie sie aber in der jüdischen Tradition erzählt wurde, geht so:
Lilith war Adams erste Frau. Gleichzeitig mit ihm erschaffen, gleichberechtigt, aus derselben Erde wie er. Beim Liebesakt sollte sie unter ihm liegen — sie sagte: "Warum unter dir? Wir sind beide aus Erde gemacht. Wir sind gleich."
Adam wollte sich nicht beugen. Lilith auch nicht.
Und dann ist Lilith gegangen. Sie hat das Paradies verlassen. Aus eigenem Willen. Sie wurde nicht vertrieben. Sie ist gegangen.
Und was hat die patriarchale Tradition aus ihr gemacht?
Sie hat sie zur Dämonin gemacht.
Zur Kindermörderin.
Zur Verführerin, die Männer im Schlaf heimsucht.
Zum Nachtgespenst.
Eine Frau, die nicht gehorcht, kann in patriarchaler Logik nur ein Monster sein.
Lilith wurde zur Warnung: Schau, was passiert, wenn eine Frau ihren eigenen Willen hat.
Und dann erschuf Gott Eva. Aus Adams Rippe. Diesmal nicht gleichberechtigt — diesmal aus ihm. Diesmal kein "Wir sind gleich". Diesmal: Angepasst.
Was ich an der Lilith-Geschichte so spannend finde ist:
Sie ist ein Erklärungsversuch für etwas, das die Bibel offen lässt — den Widerspruch der zwei Schöpfungen. Und der Erklärungsversuch zeigt, wie das patriarchale Denken funktioniert: Wenn es eine Spur einer freien Frau gibt, dann muss sie zur Dämonin werden. Sonst stimmt das ganze System nicht mehr.
Eva ist also nicht "die erste Frau". Sie ist die zweite — jedenfalls in der späteren jüdischen Lesart. Die, die geblieben ist. Die, die in einer Hierarchie geboren wurde. Aus der Rippe, für den Mann, ihm zugeführt.
Und dann kommt die Schlange und der Apfel.
Die Geschichte, die wir alle kennen: Adam und Eva leben im Paradies. Gott verbietet ihnen, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Eine Schlange spricht zu Eva. Eva isst. Sie gibt Adam, er isst auch. Beide werden aus dem Paradies vertrieben.
Aber lies das mal genau.
Was sagt die Schlange zu Eva? "Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was Gut und Böse ist."
Sie verspricht Eva nicht Sex, nicht Macht, nicht Reichtum. Sie verspricht ihr Wissen. Erkenntnis. Bewusstsein.
Was sieht Eva, bevor sie isst? Der Text sagt: "Sie sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte."
Klug machte. Eva wollte klug werden.
Und sie isst. Und gibt Adam, der die ganze Zeit daneben steht (das steht so im Text), und er isst auch. Eigene Entscheidung. Niemand hat ihn verführt.
Beide werden vertrieben.
Aber Eva bekommt die Strafe, die uns bis heute verfolgt:
"Mit Schmerzen sollst du Kinder gebären."
Und das ist der Satz, der wirkt. Bis heute. In jedem "stell dich nicht so an", in jedem "die Frauen früher haben das auch geschafft", in jedem "Schmerz gehört dazu".
Geburtsschmerz als Strafe für Eva. Über 2.500 Jahre weitergetragen. Auch von Frauen, die nicht mehr dran glauben (es sei denn sie tun es).
OK, Adam wurde auch bestraft: Mühsame Arbeit und Kampf mit der Erde war für ihn vorgesehen.
Und jetzt noch ein ganz gewaltiger "finde den Fehler" Moment:
- In der ersten Version in Genesis 1 heißt es: Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde. Mann und Frau, beide nach Gottes Bild. Und "seid fruchtbar und mehret EUCH. Macht EUCH die Erde Untertan. Also, wir sind gottähnlich. Und sollen beide die Erde beleben. Von Anfang an. Kein Sündenfall.
- In der zweiten Version in Genesis 2 aber, sagt die Schlange zu Eva: "Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was Gut und Böse ist." Sie verspricht ihr also genau das, was im
ersten Bericht schon Tatsache ist. Wie Gott zu sein. Aber jetzt ist das plötzlich verboten. Eva isst. Und nach dem Sündenfall sagt Gott selbst — wörtlich:
"Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was Gut und Böse ist."
Gott bestätigt es. Eva und Adam sind jetzt wie Gott. Genau das, was die Schlange versprochen hat. Die Schlange hat nicht gelogen.
Aber dafür werden sie jetzt massiv bestraft.
So parabelhaft wie uns das heute vielleicht vorkommt, es wurde zur Wahrheit gemacht. Das wurde nicht genommen als traditionelle Sage unserer Kultur.
Nur eine der beiden Geschichten hat überlebt. Die mit der Strafe, die mit der Hierarchie, die mit dem Gehorsam. Die, die besser zum Patriarchat passt.
Nicht die der Gleichberechtigung und auch nicht die, dass wir Abbild Gottes sind.
Die Schlange ist übrigens, in jeder Kultur, die das Patriarchat "übernommen" hat, positiv.
In ALLEN vorchristlichen Mittelmeer-Kulturen war die Schlange weiblich konnotiert, mit Heilung, Weisheit, Wiedergeburt assoziiert, und meist eine Begleiterin oder Erscheinungsform von Göttinnen.
Siehe auch die Regenbogenschlange der australischen Aborigenes.
Genau diese Schlange wird in der Genesis dann zur Verführerin Evas. Und genau diese Schlange wird von der christlichen Tradition zum Teufel umgedeutet.
Das ist kein Zufall. Das ist Programm.
Was hier passiert, ist ein klassischer Akt patriarchaler Religionsumformung:
Nimm das Symbol der älteren, weiblich-zentrierten Tradition (die Schlange als Heilerin/Weisheits-Bringerin). Mach es zur Versucherin. Mach es männlich (Lucifer ist immer männlich konnotiert). Mach es zum Bösen schlechthin.
Die Schlange wurde dämonisiert, weil sie eine Konkurrentin war. Die alten Symbolik musste weg. Das Wissen der Heilerinnen musste weg. Die weibliche Spiritualität, die mit Schlangen-Symbolik arbeitete, musste weg.
Genauso wie die Hebammen später als Hexen verbrannt wurden — wurde die Schlange als Symbol der weiblichen Weisheit zum Teufel gemacht.
Also:
Eva – die erste, die "schuld“ ist.
Daraus folgt: Die Frau ist diejenige, die verführt wird.
Die Frau ist diejenige, die verführt.
Die Frau bringt "Sünde“ in die Welt.
Lilith – die, die einfach gestrichen wurde.
Sie wollte sich Adam nicht unterordnen.
Sie ging einfach
Ergebnis: Dämonisiert. Aus der offiziellen Story entfernt.
Unabhängige Frau = Bedrohung.
Lösung: Unsichtbar machen oder dämonisieren.
Jetzt zu den bekannten Frauen im neuen Testament. Nach dem richtet sich ja die Lehre seit ca. 2000 Jahren.
Maria Magdalena – die, die falsch erzählt wurde.
Maria Magdalena wurde über Jahrhunderte als Prostituierte dargestellt (was historisch nicht belegt ist. das hat Papst Gregor I. im Jahr 591 erfunden, indem er höchstwahrscheinlich drei verschiedene Frauen in der Bibel zu einer einzigen verschmolzen hat).
Dabei war sie vermutlich eine enge Gefährtin von Jesus und eine zentrale Zeugin der Auferstehung.
Also eigentlich eine der wichtigsten Figuren.
- Sie war wahrscheinlich eine bedeutende frühchristliche Lehrerin. Aber als gefährliche Verführerin war sie nützlicher.
- Sie wird in allen vier Evangelien erwähnt. Das ist ungewöhnlich für eine Frau. Nur Maria, die Mutter von Jesus, wird öfter erwähnt.
- Sie wird nicht über einen Mann definiert (nicht "Frau von X" oder "Tochter von Y"), sondern über ihren Herkunftsort Magdala. Das war für eine Frau damals sehr ungewöhnlich.
- Sie war eine Begleiterin und Förderin Jesu — sie hat ihn und seine Jünger finanziert mit ihrem eigenem Vermögen (Lukas 8,3). Das heißt: Sie hatte eigenes Geld. Eigenständigkeit. Ungewöhnlich für eine Frau ihrer Zeit.
- Sie war bei der Kreuzigung dabei — als die meisten männlichen Jünger geflohen sind.
- Sie war die erste Zeugin der Auferstehung — laut dem Johannes-Evangelium ist sie die erste Person überhaupt, der Jesus nach seinem Tod erscheint. Er beauftragt sie, den anderen Jüngern davon zu berichten. Daher der frühchristliche Titel "Apostola apostolorum" — Apostelin der Apostel.
- Jesus hat ihr "sieben Dämonen ausgetrieben" (Lukas 8,2 / Markus 16,9) — das wird heute meist als Heilung von einer Krankheit oder einem Leiden gedeutet, nicht als moralische Reinigung von Sünde.
Was die Bibel nicht sagt:
Nirgendwo wird sie als Sünderin bezeichnet
Nirgendwo wird sie als Prostituierte bezeichnet
Nirgendwo wird sie als geläuterte Hure dargestellt
Es gibt keine Verbindung zu sexueller Sünde
Im Jahr 591 n. Chr. hielt Papst Gregor I. eine Predigt, in der er erklärte: Diese drei Frauen sind dieselbe Person:
Die anonyme Sünderin aus Lukas 7 (kein Name)
Maria von Bethanien aus Johannes 12 (Schwester des Lazarus)
Maria Magdalena aus mehreren Evangelien (Begleiterin Jesu, Kreuzeszeugin)
Wichtig: Diese Gleichsetzung war nicht in der Bibel. Sie war eine redaktionelle Entscheidung eines einzelnen Papstes, fast 600 Jahre nach Jesus' Tod.
Schon Kirchenvater Hippolyt von Rom (3. Jahrhundert) hatte Maria Magdalena als "Apostola apostolorum" — Apostelin der Apostel — bezeichnet. Diese frühe, ehrenvolle Tradition wurde durch Gregor I. überschrieben.
Erst 1969 hat die katholische Kirche offiziell festgestellt, dass die Identifikation falsch war.
2016 hat Papst Franziskus Maria Magdalena rehabilitiert und ihr den Status einer Apostelin zuerkannt.
Im liturgischen Kalender ist sie heute, was sie immer war: Apostola apostolorum.
Aber im kollektiven Gedächtnis ist sie weiter "die Hure". Bis heute. Auch in Filmen, in Büchern, in der Kunstgeschichte. Was Gregor I. konstruiert hat, ist tiefer ins kulturelle Gedächtnis eingebrannt als die ursprüngliche Wahrheit.
Papst Franziskus erhebt 2016 Maria Magdalenas Gedenktag zum Festtag, gleichrangig mit den männlichen Aposteln. Er würdigt sie offiziell als "Apostelin der Apostel".
Die Kirche selbst sagt heute: Wir haben uns geirrt. Genauer: Sie sagt, die Identifikation mit der Sünderin war eine spätere Konstruktion.
Aber warum umdeuten? Um die Autorität von Frauen runter zu regeln.
Spirituelle Macht → sexualisieren → um zu diskreditieren
Maria, Mutter Gottes - die "richtige“ Frau.
Wie aus einer Mutter eine entsexualisierte, dogmatisierte Frau wurde, die man anbetet.
Was tatsächlich im Neuen Testament steht:
1. Maria ist Jesus' Mutter. Das ist klar. Sie wird in den Evangelien (vor allem Matthäus und Lukas) erwähnt, dazu kurz bei Paulus.
2. Sie wird "vom Heiligen Geist" schwanger — das steht in Matthäus 1 und Lukas 1. Aber nur in diesen beiden Evangelien. Markus und Johannes erwähnen das nicht. Paulus erwähnt es nicht. Die anderen 22 Bücher des Neuen Testaments erwähnen es nicht.
3. Maria hatte weitere Kinder. Das steht direkt in der Bibel (Markus 6,3): Jesus wird "Sohn der Maria" genannt, und seine Brüder werden namentlich aufgezählt — Jakobus, Joses, Judas, Simon. Plus Schwestern (Plural, ohne Namen). Das heißt: Maria hatte mindestens vier weitere Söhne und mehrere Töchter nach Jesus.
4. "Bis sie ihren Sohn gebar" (Matthäus 1,25). Dort steht wörtlich: Josef "erkannte" Maria nicht, bis sie Jesus gebar. Das hebräische und griechische "erkennen" bedeutet im biblischen Kontext: Geschlechtsverkehr. Das "bis" impliziert: Danach schon. Also nach der Geburt gab es schon Geschlechtsverkehr.
Was NICHT in der Bibel steht:
1. Dass Maria immerwährend Jungfrau war. Steht nirgendwo. Im Gegenteil — der Text legt eher nahe, dass sie nach Jesus' Geburt mit Josef ein normales Eheleben hatte.
2. Dass Maria ohne Sünde geboren wurde ("Unbefleckte Empfängnis Mariens"). Steht nicht in der Bibel.
3. Dass Maria leiblich in den Himmel aufgefahren ist ("Mariä Himmelfahrt"). Steht nicht in der Bibel.
4. Dass Maria Königin des Himmels ist. Steht nicht in der Bibel.
5. Dass man zu Maria beten kann. Steht nicht in der Bibel — im Gegenteil, die Bibel fordert, nur Gott anzubeten.
Wann wurden diese Vorstellungen erfunden?
Immerwährende Jungfräulichkeit:
Erste Hinweise: 2. Jahrhundert, im "Protoevangelium des Jakobus" — einer außerbiblischen Schrift. Die ist nicht im Kanon. Das wird ab dem 4. Jahrhundert kirchliche Lehre (Hieronymus, Augustinus).
Im Konzil von Konstantinopel 553 wird die "immerwährende Jungfräulichkeit" offizielles Dogma.(Ein Dogma ist eine absolute Wahrheit).
Mariä Himmelfahrt (leiblich):
Frühe Legenden ab dem 5.-6. Jahrhundert. Wird erst 1950 durch Papst Pius XII. zum Dogma erklärt. 1950. Das ist 75 Jahre her.
Unbefleckte Empfängnis Mariens:
Theologisch ab dem 12. Jahrhundert diskutiert. Wird 1854 durch Papst Pius IX. zum Dogma erklärt.
Die zentrale Konstruktion: Aus der "jungen Frau" wird die "Jungfrau".
Im alten Testament (Jesaja 7,14) heißt es prophetisch: "Eine junge Frau wird schwanger sein und einen Sohn gebären." Das hebräische Wort dort ist "almah" — das bedeutet: junge Frau, junges Mädchen. Es bedeutet NICHT automatisch "Jungfrau" im biologischen Sinn. Wenn man "Jungfrau" meint, sagt man auf Hebräisch "betulah".
Bei der griechischen Übersetzung des Alten Testaments (Septuaginta, 3.-2. Jahrhundert v. Chr.) wurde "almah" mit dem griechischen Wort "parthenos" übersetzt. Und "parthenos" bedeutet eindeutiger: Jungfrau.
Und Matthäus, der sein Evangelium auf Griechisch schreibt und Jesaja zitiert, übernimmt diese griechische Übersetzung: "Jungfrau". Daraus wird dann die theologische Lehre der Jungfrauengeburt.
Heißt: Die Jungfrauengeburt basiert auf einem Übersetzungsproblem zwischen Hebräisch und Griechisch. Hätte Matthäus den hebräischen Originaltext zitiert, hätte er gesagt: "Eine junge Frau wird schwanger."
Aber bring mich nicht um, ich kann weder Griechisch noch Hebräisch. Übernehme das so, wie ich es lese.
Das ist nicht religionsfeindlich gemeint — das ist sprachgeschichtlich dokumentiert und in den Theologie-Standardwerken zu finden.
Was hat man aus Maria gemacht? Die Konstruktion in Stufen:
Stufe 1 (Bibel): Maria ist Jesus' Mutter. Wahrscheinlich vor der Heirat schwanger geworden, was Josef erst skeptisch machte. Sie hatte mehrere Kinder.
Stufe 2 (frühes Christentum, 2.-4. Jh.): Aus dem Übersetzungsproblem wird die Lehre der Jungfrauengeburt: Maria empfing Jesus durch den Heiligen Geist, ohne sexuellen Akt. Andere Kinder werden zu Stiefgeschwistern uminterpretiert (Josef hatte Kinder aus erster Ehe).
Stufe 3 (4.-6. Jh.): Die Lehre der immerwährenden Jungfräulichkeit setzt sich durch. Maria sei vor, bei und nach der Geburt Jungfrau geblieben.
Stufe 4 (Mittelalter): Marienkult explodiert. Maria wird zur Himmelskönigin, zur Schutzheiligen, zur Mittlerin zwischen Mensch und Gott. Frauen beten zu Maria, Männer zu Gott. Die "geheiligte Mutter" wird zum Frauenideal.
Stufe 5 (1854 / 1950): Die letzten beiden Marien-Dogmen werden offiziell. Beide kommen aus dem 19./20. Jahrhundert, fast 2000 Jahre nach den Ereignissen. Und sehr nah an unserer heutigen Zeit.
Warum ist Maria so wichtig konstruiert worden?
Hier kommt das Patriarchats-Argument:
Das frühe Christentum hatte ein Frauenproblem. Die Christen brauchten ein Frauenbild, das Frauen ansprach (Christentum war anfangs vor allem bei Frauen erfolgreich). Aber sie hatten Eva als negative Folie und kein positives weibliches Vorbild.
Maria löst dieses Problem perfekt — als idealisierte Gegenfigur zu Eva:
Eva: Ungehorsam, sündhaft, sexuell, nackt, verführt zur Erkenntnis.
Maria: Gehorsam ("Mir geschehe nach deinem Wort"), rein, asexuell, fügt sich Gottes Plan.
Eine Frau ist gut, wenn sie wie Maria ist: Sexuell rein, gehorsam, mütterlich, schmerzbereit (auch sie wird unter Schmerzen gebären, sieht Jesus sterben — Schmerz heiligt sie).
Eine Frau ist schlecht, wenn sie wie Eva ist: Neugierig, eigenwillig, sexuell, wissend.
Dazwischen liegt nichts. Heilige oder Hure. Das Frauenbild kennt nur diese zwei Pole — und Maria Magdalena, die einzige Jüngerin, wird in diese Logik gepresst (sie wird zur "geläuterten Hure").
Was das bis heute bewirkt
Die Jungfrau-Mutter-Symbolik wirkt weiter, auch wenn niemand mehr in die Kirche geht:
- "Gute Mütter" sind asexuell. Sex und Mutterschaft passen nicht zusammen.
- Eine Mutter, die "ihre eigenen Bedürfnisse hat", "an sich denkt", wird verdächtig und ist egoistisch.
- Schmerz und Aufopferung sind weibliche Tugenden — Maria ist das Vorbild.
- Frauen, die nicht aufmüpfig sind, werden geheiligt. Frauen, die widersprechen, werden zu Eva/Lilith.
- "Reine" Frauen sind heilig. "Unreine" Frauen sind beschmutzt. Auch wenn man heute "unrein" nicht mehr sagt — die Logik bleibt.
Das ist die Tiefenstruktur des "Gute-Mutter-Mythos", der bis heute wirkt
Warum gerade 1854? (Marien Dogma).
Hier wird's gesellschaftspolitisch interessant. Das 19. Jahrhundert ist die Zeit der massiven Säkularisierung in Europa:
- 1789: Französische Revolution
- 1848: Revolutionsjahr in Europa, viele Aufstände, Forderungen nach Demokratie
- Industrielle Revolution
- Aufstieg der Naturwissenschaften
- Darwin (1859) steht kurz bevor
- Marx und Engels (Kommunistisches Manifest 1848)
- Frühe feministische Bewegungen (Olympe de Gouges, später Sojourner Truth, etc.)
Die katholische Kirche ist defensiv. Sie verliert Macht, Einfluss, Mitglieder. Der Kirchenstaat wird angegriffen (Italienische Einigung). Die Aufklärung greift die Kirche an. Die Wissenschaft erklärt die Welt ohne Gott.
Pius IX. reagiert mit Konsolidierung. Er macht zwei Dinge:
1854: Unbefleckte Empfängnis Mariens (Frauen-Ideal als asexuelles Reinheitsmodell)
1864: Syllabus errorum — er listet 80 "Irrtümer" der modernen Welt auf, darunter Religionsfreiheit, Demokratie, Gewissensfreiheit
1870: Päpstliche Unfehlbarkeit
Das ist eine antimoderne Gegenbewegung.
Maria wird in dem Moment dogmatisch zur perfekten Frau erhoben, in dem die Kirche ihren Einfluss auf reale Frauen verliert.
Marienkult und Frauenbild der Kirche werden im 19. Jahrhundert dogmatisch zementiert, gerade weil die reale Welt sich vom kirchlichen Frauenbild zu lösen beginnt.
Was hat es bewirkt?
Maria wird zum Maximalbild der weiblichen Reinheit.
Von Anfang an ohne Sünde.
Niemals befleckt.
Nicht nur Jungfrau bei der Empfängnis Jesu — sondern selbst von ihrer eigenen Empfängnis bis zu ihrem Tod ohne irgendeine Form von Sünde.
Welche Frau kann das je erreichen? Keine.
Es ist als Ideal unerreichbar gemacht. Maria ist nicht mehr Vorbild — sie ist Maßstab.
Jede reale Frau scheitert daran. Strukturell. Per Definition.
Das ist ein Hochbegabten Vergleich oder ein Supermodel Vergleich, der dazu führt, dass alle realen Frauen sich klein fühlen müssen.
Die Marien Erscheinungen explodieren. 1858, vier Jahre nach dem Dogma, "erscheint" Maria in Lourdes (Frankreich). Bernadette Soubirous, ein 14-jähriges Mädchen, sieht eine Frau, die sich vorstellt mit den Worten: "Ich bin die Unbefleckte Empfängnis."
Das ist sehr praktisch — die Erscheinung bestätigt das Dogma kurz nachdem es verkündet wurde. Lourdes wird zum größten Marienwallfahrtsort der Welt. Millionen pilgern dorthin.
In den folgenden Jahrzehnten und bis heute gibt es weitere Marienerscheinungen weltweit (Fatima 1917, Medjugorje 1981 — bis heute umstritten). Maria wird zum Volksglauben, gerade dort, wo die kirchliche Macht schwindet.
Das war der erste Teil.
Die restlichen Weltreligionen sind ähnlich strukturiert, aber das wird jetzt einfach zu viel.
Nur soviel: Unreinheit, Menstruation als Ausgrenzungsgrund, Sich-nicht-zeigen-dürfen, Angst vor der Verführung, sexuelle Kontrolle (Verhütung, Abtreibung, Geburten), Unterwüfigkeit dem Mann gegenüber wird radikal durchgesetzt, Bewegungseinschränkungen, Ausgehverbot usw. gibt's immer noch überall auf der ganzen Welt.
Und auch im Buddhismus ist das leider ähnlich.
Auch hier — und das überrascht viele, weil Buddhismus im Westen oft als sanft, weicher und modernen gilt.
Frauen können in vielen Strömungen nicht direkt erleuchten. Sie müssen erst als Mann wiedergeboren werden. Nonnen sind Mönchen klar untergeordnet. In manchen Linien gibt's keine Vollordination für Frauen. Es gibt acht strikte Sonderregeln, die die Nonnen strukturell unterordnen.
Und auch hier gelten teilweise auch die "Unreinheitsregeln".
Auf spiritueller Basis sind Frauen und Männer gleich, aber wie so oft, scheitert das an der Realität, die von Männern geformt wird.
Wieder dasselbe Muster.
Der Buddhismus war auch in der Historie nie wirklich friedvoll.
Das ist ein Mythos, von dem man sich ganz schnell verabschieden sollte. Die Religion fordert zwar Gewaltlosigkeit, ganz einfach weil das Ziel ist, so wenig schlechtes Karma anzuhäufen wie möglich. Aber: Der real existierende Buddhismus war nie gewaltlos. Nicht in Tibet, nicht in Myanmar, nicht in Indien, nicht in Sri Lanka und nicht in China.
Das ist alles kein Zufall. Das ist nicht eine schlechte Religion. Das ist ein Muster.
Zurück zu den Frauen.
Warum das alles?
Wer gebären kann, hat etwas, was Männer nicht haben. Schöpferkraft.
Aus dem eigenen Körper neues Leben hervorbringen. Das ist eine Macht, die man nicht antrainieren, nicht kaufen, nicht erlernen kann.
Patriarchale Strukturen — egal in welcher Religion — müssen diese Macht kontrollieren. Sonst wäre nicht klar, wer das Kind gezeugt hat. Sonst wäre die männliche Erblinie unsicher. Sonst wäre die Frau ökonomisch und sozial nicht beherrschbar.
Also wurde der weibliche Körper über Jahrtausende mit Bedeutungen aufgeladen: Unrein, gefährlich, sündhaft. Und das Wissen über diesen Körper wurde Frauen entzogen.
Das ist die Tiefenstruktur. Aber wir sind erst am Anfang.
Wir machen jetzt wieder die Schleife zur Frauenverfolgung aka Witch Hunt.
Hebammen, Heilerinnen, kluge Frauen mit Wissen über Verhütung, Geburt, Heilkräuter. Die passten in keine der beiden (Heilige oder Hure) Schubladen. Sie wurden gefährlich.
Die hatten Wissen und Wissen verhilft zur Unabhängigkeit.
Und ab dem späten 15. Jahrhundert wurden sie verbrannt. Fast immer auf Anklage von kirchlicher Seite.
Der Hexenhammer (1486), das Handbuch der Hexenverfolgung, wurde von einem Dominikanermönch geschrieben.
Die ersten Sätze, sinngemäß: Frauen sind schwächer im Glauben, anfälliger für den Teufel, voller Wollust und Unverstand. Das war für 200 Jahre die theologische Grundlage, auf der zehntausende Frauen umgebracht wurden.
Das Pflichtzöllibat wurde übrigens 1197 eingeführt. Über 1000 Jahre nach Jesus Walten.
Davor durften Priester heiraten.
Ist also auch in dieser Hinsicht absolut kein Wunder, dass sich die Mönche von damals nicht ihrer eigenen sexuellen Bedürfnisse stellen wollten und durften und haben es auf die Frauen abgewälzt. Natürlich waren nicht die Mönche selbst verantwortlich für ihr Sexualität. Es waren natürlich die Frauen, die das provoziert haben. Was sonst. Also auch hier ganz praktisch für die Verantwortlichen.
Von Missbrauch und Vergewaltigungen hab ich nicht viel gelesen, aber das war mit Sicherheit in den Gefängnissen gang und gäbe.
Hubert Wolf, der prominente Kirchenhistoriker, sieht das so: Der Zölibat dient dazu, Priester als höhere Wesen darzustellen, die sich vom "normalen Volk" abheben. Sie sind "rein", weil sie nicht heiraten. Sie sind "näher bei Gott", weil sie nicht sexuell aktiv sind.
Das ist genau die Maria-Logik wieder: Reinheit durch Nicht-Sex. Erst auf Maria angewendet, dann auf die Priester.
Und vor allem schützt es die "Erbfolge". Wer keine Familie hat kann auch nichts vererben. Der Besitz gehört der Kirche. Punkt. Money rules the World.
Also alles in allem ist diese ganze Kirchengeschichte ein einziges Absurdum.
Bis heute.
Eine kurze Sache zur Sprache: Wir sagen "Hexenverbrennung". Eine Leserin hat mir letzte Woche zurückgeschrieben: "Es waren Frauenverbrennungen."
Sie hat völlig recht. "Hexen" klingt als ob die Frauen tatsächlich Hexen waren, also potenziell fast schuldig. Das waren sie aber nicht. Sie wurden unschuldig hingerichtet.
Das Wort "Frauen" macht klar, was wirklich passiert ist. Und das macht es sehr viel realer.
Frauenverbrennungen in Zahlen:
Gesamteuropa (1450-1750): 40.000 bis 60.000 Hingerichtete. Das ist der von der seriösen Geschichtswissenschaft heute etablierte Konsens (Schwerhoff, Henningsen, Irsigler). Keine 9 Millionen, wie früher feministisch geschätzt — das war Spekulation. Aber auch nicht 15.000, wie manche Revisionisten sagen.
Davon Frauen: Etwa 80%.
Heißt: Ungefähr 40.000-48.000 Frauen wurden hingerichtet.
Davon im Heiligen Römischen Reich (heutiges Deutschland und Umgebung): Etwa 25.000 Menschen, also die Hälfte aller europäischen Opfer. Deutschland war Hexenverfolgungs-Epizentrum.
Davon waren Bamberg und Würzburg Hotspots: In jeder dieser Städte gab es 900-1200 Opfer in den Jahren 1626-1630.
Die Zahl 40-60.000 klingt zuerst vielleicht nach "wenig" — ist es aber nicht.
Im Vergleich: Die deutsche Bevölkerung im 17. Jahrhundert lag bei etwa 16 Millionen.
25.000 Hinrichtungen in einem dünn besiedelten, hauptsächlich agrarischen Land sind eine enorme Zahl — vor allem, weil sie sich auf bestimmte Regionen (Süddeutschland, Rheinland, fränkische Hochstifte) konzentriert hat. Da war die Wahrscheinlichkeit, dass deine Nachbarin verbrannt wurde, real.
Prozesse insgesamt: Über 3 Millionen dokumentierte Verfahren — die meisten haben zwar nicht mit Hinrichtung geendet, aber mit Folter, Verbannung, sozialer Vernichtung. Die Zahl der traumatisierten, gefolterten, beschuldigten Frauen liegt also um viele Faktoren höher als die Zahl der Hingerichteten.
Zeitraum: Hauptphase 1550-1650, Höhepunkt im Heiligen Römischen Reich.
Die letzte Hinrichtung in Deutschland war im Jahr 1756, ein 15-jähriges Mädchen, das der Teufelsbuhlschaft beschuldigt wurde.
Die Zahl der Hingerichteten ist nur die Spitze des Eisbergs.
3 Millionen Prozesse heißt: Millionen von Frauen wurden angezeigt, befragt, gefoltert, verbannt, in den Ruin getrieben. Die soziale, körperliche und psychische Wirkung war ungleich größer als die reine Hinrichtungszahl. Eine Hexenverfolgung im Dorf hat alle Frauen, diszipliniert nicht nur die, die getötet wurde.
Der Frauenanteil war aber nicht überall gleich.
In manchen Regionen (z.B. Island, Russland) wurden mehr Männer als Frauen verfolgt. Im Schnitt aber 80% Frauen über ganz Europa.
Teil 2: Die Kirche hat 1500 Jahre Vorarbeit geleistet
Die These, in einem Satz: Die Kirche hat über 1500 Jahre genau die psychologischen, sozialen und sprachlichen Strukturen geschaffen, ohne die der Kapitalismus später nicht hätte funktionieren können.
Lass mich das aufdröseln.
Trennung von Körper und Geist
Die Kirche lehrte: Der Körper ist niedrig, der Geist hoch. Die Seele soll den Körper kontrollieren. Lust, Genuss, körperliches Wohlbefinden sind Sünde — Disziplin, Schmerz, Verzicht sind Tugend.
Was das vorbereitet: Eine Bevölkerung, die den eigenen Körper als Werkzeug sieht, das man unterdrücken und benutzen muss. Ohne diese Erziehung könnte niemand zwölf Stunden in einer Fabrik stehen, ohne durchzudrehen. Der Kapitalismus brauchte Menschen, die ihren Körper aushalten, nicht fühlen. Die Kirche hat das vorgemacht — über tausend Jahre.
Klosterregeln (Stundengebet, fester Tagesablauf, Disziplinierung des Körpers) waren das Trainingsfeld für die spätere Fabrikdisziplin.
Der französische Philosoph Michel Foucault hat das eindrücklich beschrieben: Was im Kloster begann, wurde später in Schule, Kaserne, Fabrik und Krankenhaus systematisiert.
Schuld als Steuerungsinstrument
Die Kirche hat ein System der Selbstüberwachung etabliert. Du bist von Geburt an schuldig (Erbsünde). Du musst dich beobachten, deine Sünden zählen, beichten, büßen. Gott sieht alles, auch deine Gedanken.
Was das vorbereitet: Self-Policing. Die innere Stimme, die dich kontrolliert, auch wenn niemand sonst hinguckt. Genau das, was später für den Kapitalismus so nützlich wird — Arbeiter, die sich selbst antreiben, weil sie glauben, sie seien sonst "faul" oder "wertlos".
Was vorher Sündenbewusstsein war, wird später Leistungsbewusstsein.
Die Mechanik bleibt dieselbe.
Max Weber hat das in seinem berühmten Werk Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (1905) beschrieben: Der Calvinismus mit seiner Prädestinationslehre und harter Arbeit war die ideale Geisteshaltung für den frühen Kapitalismus. Wer reich wird, ist von Gott auserwählt. Wer arm bleibt, ist sündig. Diese Ideologie hat das Christentum erfunden, nicht der Kapitalismus.
Hierarchien als göttliche Ordnung
Die Kirche hat gelehrt: Es gibt eine natürliche, gottgewollte Ordnung.
König über Adel, Adel über Bauern, Männer über Frauen, Erwachsene über Kinder, Mensch über Tier, Christ über Heide. Wer dagegen aufbegehrt, lehnt sich gegen Gott auf.
Was das vorbereitet: Jahrhundertelange Akzeptanz von Ungleichheit als "natürlich".
Genau die Disposition, die der Kapitalismus später braucht — eine Bevölkerung, die nicht fragt, warum manche viel haben und manche nichts.
"Die einen sind nun mal reich, die anderen nun mal arm. Gott will das so."
Frauen als gefährliches Geschlecht
Die Kirche hat 1500 Jahre lang gepredigt, dass Frauen sündhaft, schwach, gefährlich sind.
Eva ist schuld. Maria Magdalena ist Verführerin. Frauen müssen unterworfen, kontrolliert, gezähmt werden.
Was das vorbereitet: Eine Bevölkerung, die mental darauf vorbereitet ist, dass Frauen verfolgt, eingesperrt, ausgeschlossen werden.
Wenn 1486 der Hexenhammer erscheint, fällt er nicht auf leeren Boden. Er fällt auf 1500 Jahre theologischer Frauenfeindlichkeit.
Die "Hexen"verfolgung, die Frauenverfolgung war kein Bruch — sie war die Eskalation einer langen Tradition.
Reproduktive Kontrolle
Die Kirche hat Verhütung, Abtreibung, weibliche Sexualität jahrhundertelang kriminalisiert (theologisch). Geburtenkontrolle galt als Sünde, weibliche Lust als Teufelswerk, Hebammen mussten kirchliche Lizenzen haben mit Zustimmung des Priesters.
Teil 3: Der Kapitalismus erntet, was die Kirche gesät hat
Jetzt kommen wir zum eigentlichen Wendepunkt. Wie aus den ideologischen Vorarbeiten der Kirche das ökonomische System wurde, in dem wir heute leben.
Die wichtigste Theoretikerin dazu ist die italienisch-amerikanische Historikerin Silvia Federici. Ihr Buch Caliban und die Hexe (Original Caliban and the Witch, 2004) hat eine These, die unbequem und brillant zugleich ist: Hexenverfolgung war kein religiöser Wahn. Sie war eine ökonomische und politische Strategie im Übergang vom Feudalismus zum frühen Kapitalismus.
Das lief so ab.
Die Krise: 14. und 15. Jahrhundert
Die Pest hatte ein Drittel der europäischen Bevölkerung getötet.
Plötzlich waren Bauern in einer starken Verhandlungsposition — Arbeitskräfte waren knapp, Löhne stiegen, Bauern konnten Forderungen stellen.
Es war eine der freiheitlichsten Phasen des europäischen Mittelalters für die unteren Schichten.
Es gab massive Aufstände: Bauernaufstände in England (1381, Wat Tyler), der Bauernkrieg in Deutschland (1524-1525, Thomas Müntzer), die Hussiten in Böhmen, der Ciompi-Aufstand in Florenz (1378).
In Deutschland forderten die Bauern in den Zwölf Artikeln von Memmingen (1525) das Recht auf Allmende (frei nutzbares Land), freie Predigt, Abschaffung der Leibeigenschaft, gerechte Abgaben. Es war eine der ersten Forderungslisten "von unten" in Europa.
Und — das ist Federicis zentraler Punkt — Frauen waren in diesen Aufständen führend beteiligt. Heilerinnen, Hebammen, kluge Frauen hatten in den Dorfgemeinschaften eine gewisse Stellung.
Frauen kontrollierten Verhütung, Geburtshilfe, Heilkräuter. Sie waren wirtschaftlich handlungsfähig.
Als Bäuerinnen, Bäckerinnen, Handwerkerinnen, Gildenmitglieder. Das heißt nicht, dass sie ein lustiges Leben hatten. Aber sie waren handlungsfähig. Sie konnten Geld verdienen. Was sie später nicht mehr wirklich konnten.
Diese Aufstände wurden niedergeschlagen. Allein im deutschen Bauernkrieg starben Schätzungen zufolge zwischen 70.000 und 100.000 Bauern.
Das Gegenmittel: Enclosures
Damit das nicht wieder passiert, brauchte die herrschende Klasse — also Adel, Kirche, frühe Bourgeoisie — neue Mittel. Eines davon waren die Enclosures, die Einhegungen.
Die Allmenden — das Land, das einer Dorfgemeinschaft gemeinsam gehörte — wurden privatisiert.
Das waren Wälder, in denen alle Holz schlagen durften. Weiden, auf denen alle ihr Vieh grasen lassen konnten. Bäche, an denen alle fischen durften. All das wurde Privatbesitz und eingezäunt, für die normale Bevölkerung gesperrt.
In England, wo der Prozess am drastischsten ablief, verabschiedete das Parlament zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert über 5000 Enclosure Acts.
Bauern verloren ihre Existenzgrundlage. Sie konnten ihre Tiere nicht mehr ernähren, ihren Hof nicht mehr halten. Sie mussten in die Städte ziehen und in Manufakturen arbeiten. Aus halb-selbstständigen Bauern wurden Lohnabhängige. Das ist die Geburt des "freien" Lohnarbeiters — frei von feudaler Bindung, aber auch frei von Existenzmitteln.
In Deutschland lief der Prozess langsamer und ungleichzeitiger. Die endgültige "Bauernbefreiung" (Stein-Hardenbergsche Reformen) kam erst 1807. Aber das Ergebnis war dasselbe: Auflösung der bäuerlichen Selbstständigkeit, Vertreibung in Lohnarbeit oder Auswanderung. Millionen Deutsche wanderten im 19. Jahrhundert in die USA aus, weil sie zu Hause keine Existenz mehr hatten.
Hexenverfolgung/Frauenverfolgung als ökonomischer Akt
Genau in dieser Übergangsphase — zwischen dem späten 15. und dem späten 17. Jahrhundert — explodieren die Hexenprozesse in Europa.
Federici sagt: Das ist kein Zufall. Das ist gezielte Disziplinierung.
Wer wurde verfolgt?
- Hebammen. Weil sie Verhütungs- und Abtreibungswissen hatten. Der entstehende Kapitalismus brauchte aber Arbeitskräfte. Also: Geburten erzwingen, Verhütungswissen vernichten, weibliche Reproduktion unter staatliche und kirchliche Kontrolle stellen. (Nicht anders als im dritten Reich. Hör dir dazu meinen Podcast über den Mythos der Supermom an.)
- Heilerinnen. Weil sie dem Volk Heilkunde anboten, die nicht über die Kirche oder die universitäre (männliche) Medizin lief. Sie waren Konkurrenz zur entstehenden Berufsmedizin.
- Alte, alleinstehende Frauen. Die nach den Enclosures keine Existenzgrundlage mehr hatten und auf Almosen angewiesen waren. Sie wurden zur Last und damit zur Zielscheibe.
- Aufständische Frauen. Anführerinnen von Aufständen, Frauen, die sich weigerten, sich einzufügen, Frauen mit eigenwilligen Lebensformen.
- Und natürlich auch Männer, die unbequem oder anders waren.
Frauenverfolgung war Klassen- und Geschlechterkampf von oben.
Sie hat zwei Dinge gleichzeitig erreicht: Frauen wurden aus dem öffentlichen Leben gedrängt — aus Gilden, aus dem Marktwesen, aus dem Heilwesen. Und Reproduktion wurde unter staatliche und kirchliche Kontrolle gestellt.
Hausfrauisierung
Während die Männer in die Lohnarbeit gezwungen wurden, wurden die Frauen aus der bezahlten Arbeit gedrängt — in die unbezahlte Reproduktionsarbeit zu Hause.
Aus Bäuerinnen, die mitarbeiteten und mitverdienten, wurden Hausfrauen, die "den Mann und die Kinder versorgen".
Die deutsche Soziologin Maria Mies hat diesen Prozess "Hausfrauisierung" genannt.
Ihr Hauptwerk Patriarchat und Kapital (1986) zeigt: Die Vorstellung, dass Frauen "schon immer" unbezahlt im Haus saßen, ist falsch. Diese Form von "Hausfrau" gibt es erst seit etwa 200 bis 300 Jahren. Davor waren Frauen mitarbeitende Wirtschaftsteilnehmerinnen.
Die zentrale These von Federici und Mies lautet: Der Kapitalismus baut auf zwei kostenlosen Ressourcen auf:
Die Natur (Rohstoffe, ohne Bezahlung der Erden einfach entnommen) und die reproduktive Arbeit von Frauen (Care, Geburt, Haushalt, Erziehung — ohne Bezahlung einfach genommen).
Ohne diese unbezahlte weibliche Arbeit funktioniert der Kapitalismus nicht. Wenn Frauen sich plötzlich für ihre Arbeit bezahlen ließen, würde das System kollabieren.
Deshalb war Frauenverfolgung kein Ausrutscher der Geschichte. Sie war ein Gründungsakt des Kapitalismus. Sie hat die kostenlose weibliche Arbeit institutionalisiert.
Teil 4: Wie das alles bis heute weiterwirkt
OK, man könnte jetzt sagen: Schön, das ist alles 500 Jahre her. Was hat das mit mir zu tun?
Mehr, als du denkst.
Die Kirche hat den Boden bereitet, der Kapitalismus erntet
Was die Kirche getan hat, war nicht nur religiös — das war soziales Engineering.
Sie hat eine bestimmte Art von Mensch geformt: Gehorsam, schuldbewusst, körperfeindlich, hierarchiegläubig, frauenfeindlich, erwartungsvoll-jenseitig.
Der Kapitalismus hat dann diesen Menschen vorgefunden und benutzt. Er musste ihn nicht erst erfinden. Er hat ihn nur säkularisiert weiterbenutzt, also ohne Kirche genauso weitergemacht:
Sünde wurde Schuld, Gott wurde Markt, Himmel wurde Erfolg, Hölle wurde Armut, Gehorsam vor dem Priester wurde Gehorsam vor dem Chef, Gehorsam vor dem Mann wurde Gehorsam vor dem System.
Die Kirche hat den Boden bereitet. Der Kapitalismus hat geerntet. Und wir leben heute in der Erntephase.
Wo sich das heute im Alltag zeigt
ÜBERALL.
Fast in jeder Frau, die ich überhaupt kenne und die ich auch nach der Geburt sehe.
Frauen zweifeln immer zuerst an sich selbst, bevor sie das System dahinter sehen.
Wenn eine Mutter sich nach der Geburt nicht mehr wie sie selbst fühlt, denkt sie: Mit mir stimmt was nicht. Statt: Mit dem System stimmt etwas nicht, das mich genau hier allein lässt.
Diese Gefühle haben einen Ursprung.
Sie sind vererbt. Über Generationen, über Religionen, über Kulturen.
Und das ist ja nicht nur das System.
Der weibliche, biologische Körper, der völlig normal ist, so wie er ist, wird überall als "er ist falsch" gezeigt. Und nach der Geburt kommt das ja noch 100-fach hoch. Weil einem niemand erzählt, dass das alles ganz normal und biologisch ist, was da passiert und wie man aussieht dabei.
Aber nein, Bäuche müssen sofort flach und schlank sein.
Sport muss gemacht werden.
Leistung muss gebracht werden.
Kochen, waschen, bügeln drei Tage nach der Geburt. Muss doch gehen.
Sich ums Baby kümmern ist doch keine Arbeit.
Geburten sind doch das Natürlichste auf der Welt.
Andere haben auch Kinder und arbeiten auf dem Feld...... ja und sind mit 40 gestorben 1905.
Im Wochenbett die ersten "effektiven" Übungen müssen gemacht werden, sonst...... ja was sonst? Tod durch Faulheit.
Mütter sitzen doch eh nur daheim auf der Couch rum oder gehen mit Freundinnen Kaffee trinken.
Stell dich nicht so an.
Du brauchst keine PDA. Das kannst du dir wegatmen. Schadet dem Kind (und was schadet eigentlich der Mutter? Nichts, weil die ist nicht wichtig).
Es ist mir wirklich ein sehr großes Rätsel, wie immer noch eine Geburt als "nichts" dargestellt wird.
Und wie viele junge Frauen völlig schockiert sind mit dem, was mit ihnen passiert. Und wie sie dann versuchen sich mit aller Gewalt diesem System anzupassen, das null passt.
Das ist wie wenn man sich Schuhe Größe 34 anzieht, obwohl man 39 hat.
Aber alle sagen dir, für dich ist 34 genau passend.
Ich könnte mich nur aufregen.
Mental Load und die unsichtbare Arbeit
Was Federici 2004 geschrieben hat, ist heute in der Mental-Load-Debatte angekommen.
Die kanadische Forscherin Allison Daminger hat 2019 in einer großen Studie gezeigt: Frauen tragen ein unsichtbares zweites Pensum. Nicht nur das Wäschewaschen — das Daran-denken-müssen, dass Wäsche gewaschen werden muss. Wer braucht neue Schuhe. Wann ist Impftermin. Hat das Kind genug getrunken.
Das ist die moderne Form unbezahlter Reproduktionsarbeit. Sie wird nicht entlohnt, nicht in BIP-Statistiken erfasst, nicht in Rentenansprüchen abgebildet. Aber ohne sie funktioniert das System nicht.
Studien beziffern den volkswirtschaftlichen Wert unbezahlter Care-Arbeit in Deutschland auf mehrere hundert Milliarden Euro pro Jahr. Wenn Frauen dafür bezahlt würden — würde das System sich grundlegend ändern müssen. Aber wer will das schon. Da werden lieber Milliarden für die Zerstörung von Leben in Kriegen ausgegeben (und das sind Waffenlieferungen nach X oder Y halt) , anstatt neues Leben zu fördern.
Das war der erste Teil über Hexen, Heilige und Hausfrauen.
Im zweiten Teil nächste Woche möchte ich über die permanente Spirale der Selbstoptimierung sprechen, die meiner Meinung nach aus diesem ganzen Konglomerat an Geschichte entstanden ist. Dann möchte ich über Instagram, Bouncing Back, Trad Wives, TikTok und die heutige Situation für Mütter sprechen. Über den § 218, über das Matriarchat und andere Kulturen und wann dieses Patriarchat eigentlich tatsächlich angefangen hat.
Bleib dran.
Abonniere den Podcast oder melde dich zum Newsletter an, dann verpasst du den zweiten Teil. nicht.
Quellen und weiterführende Literatur:
Silvia Federici — Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation (Mandelbaum Verlag, deutsche Ausgabe 2012). Das Standardwerk zu Hexenverfolgung als ökonomischem Akt. Auch als Hörbuch (englisch) verfügbar.
Silvia Federici — Witches, Witch-Hunting, and Women (PM Press, 2018). Federicis Folge-Band, der die Argumente auf heute überträgt: Frauenmorde in Indien und Lateinamerika, Land Grabbing, neue Formen von Hexenjagd weltweit.
Maria Mies — Patriarchat und Kapital. Frauen in der internationalen Arbeitsteilung (1986). Die deutsche Soziologin hat die Hausfrauisierungs-These ausgearbeitet.
Gerda Lerner — Die Entstehung des Patriarchats (Manifest-Verlag, neue deutsche Ausgabe 2022). Die historische Tiefenanalyse: Wann und wie ist Patriarchat als System entstanden?
Caroline Criado Perez — Unsichtbare Frauen (btb, englisch Invisible Women, 2020). Über die Daten-Lücke beim weiblichen Körper in Wissenschaft und Medizin.
Elinor Cleghorn — Die kranke Frau (englisch Unwell Women, 2022). Medizinische Diskriminierung von Frauen über die Jahrhunderte.
Michel Foucault — Überwachen und Strafen (1975). Über Disziplinierung in modernen Institutionen.
Allison Daminger — Forschung zu Mental Load, What's on Her Mind?, u.a. "The Cognitive Dimension of Household Labor" (American Sociological Review, 2019).
China, Im Reich der Frauen - Mosuos Doku (2019)
Hexen - Chronik eines Massakers | Doku HD | ARTE
Waren Frauen niemals gleichberechtigt? | ARTE
Hi, ich bin die Nicole. Ich bin seit über 25 Jahren Physiotherapeutin und habe viele Jahre auf der Wochenstation und auf der gynäkologischen Station in der Frauenklinik gearbeitet. Von mir bekommst Du Informationen zum "Thema" aus erster Hand.
Rückbildung vom ersten Tag an, im Rückbildungskurs, in der Praxis mit Patienten und leider auch oft die Spätfolgen von Beckenbodenschwächen (und was es sonst noch alles geben kann) in der operativen Gynäkologie, kenne ich in und auswendig.
Bei mir bist Du richtig, wenn Du reale medizinische Informationen zum Thema
Rückbildung und Frauengesundheit suchst. Mehr über mich findest Du hier.












Kommentar schreiben