Was die Army mit Rückbildung zu tun hat

 

 

Du kannst diese Folge wie immer direkt auf meiner Webseite hier hören oder du hörst hier:

 

ich war neulich auf der Suche nach "Beweisen", sprich Studien, dass Rückbildung mindestens ein Jahr dauert. 

Das ist ja immer das, was ich allen erzähle.

 

Die Erfahrung zeigt mir immer wieder, dass es sogar meistens noch viel länger dauert, aber ich wollte einfach mal nachforschen, ob es dazu vielleicht auch tatsächlich was schwarz auf weiß gibt.

 

Und ich bin bei der US-Army gelandet.

Natürlich 😂

Wo auch sonst, wenn man was über Rückbildung lernen will.

Aber die Studie ist super spannend.

 

Die Studie hat keine Rückbildung untersucht.

Und auch keine Beckenböden.

Und auch keine Rektusdiastasen.

 

Die US-Armee wollte wissen, ob zwölf Wochen Erholung nach einer Geburt vielleicht ein bisschen zu viel des Guten sind.

🤷🏻‍♀️😂

Was dann aber tatsächlich als zufälliges Nebenergebnis dabei raus kam, ist super wichtig für uns.

 

 

 

Warum die US-Army die Fitness nach der Geburt untersucht hat

Also.

Die US-Armee hat vor ein paar Jahren ihren Mutterschutz für Soldatinnen verlängert – von sechs auf zwölf Wochen.

Und was waren die Gedanken dahinter?

Nicht etwa: Schön, dann haben die Frauen mehr Zeit zum Heilen.

Nein.

Die große Sorge war: Wenn die länger zuhause sitzen, kommen die dann nicht noch untrainierter zurück und taugen weniger für den Einsatz?

Kostet uns die längere Pause am Ende Geld und Leistung?

 

Der Mensch als Leistungseinheit, die möglichst schnell wieder funktionieren soll. Klar, das ist ja auch die Army. 

Aber, wenn man es mal genau nimmt, auch nicht so viel anders als im normalen Leben bei uns auch.


460 Soldatinnen und ein standardisierter Fitnesstest

 


Also haben sie 460 Soldatinnen untersucht.

Das ist nicht wenig.

Körperlich trainierte Frauen, im Schnitt 25,8 Jahre (Alter von 19 bis 42 Jahren), mit bezahltem Mutterschutz, festen Trainingszeiten und der dienstlichen Ansage, fit zu sein.

Wenn irgendwer nach der Geburt schnell wieder auf die Beine kommt, dann sollte man meinen, diese Frauen.

 

Das extrem Gute an der Studie: Von jeder Frau gab es Fitnesswerte von vor der Schwangerschaft, weil die alle 6 Monate einen "Fail Test" machen müssen, um zu zeigen, dass sie fit genug für den Einsatz sind.

 

Dieser Test hieß APFT.

Das ist der Standard-Fitnesstest, den die US-Armee zweimal im Jahr abnimmt bei allen Soldaten.

Drei Disziplinen werden getestet:

Liegestütze, Sit Ups und der Zwei-Meilen-Lauf (3,2 km).

Wer eine davon nicht schafft (Mindestpunktzahl nicht erreicht), fällt komplett durch. 

 

Es ging in dieser Studie nicht um Beckenboden, Rektusdiastase oder sonstige postpartum Dinge. Es ging rein um die körperliche Leistungsfähigkeit.

 

Es gab keinen Vergleich mit irgendeinem Durchschnitt oder einer Kontrollgruppe, sondern jede mit sich selbst.

Vorher-nachher.

Um zu wissen, ob die längere Pause schadet, mussten sie messen, wie fit die Frauen der jeweiligen Gruppe danach wieder waren und dann die Fitness der beiden Gruppen vergleichen.

 

Und das erste Ergebnis war:

Die sechs zusätzlichen Wochen Pause haben die Frauen nicht untrainierter gemacht.

 

Überraschung 😂

 

Die Frauen, die zwölf Wochen zuhause waren, schnitten später im Fitnesstest nicht schlechter ab als die Frauen, die schon nach sechs Wochen wieder ins reguläre Training zurück mussten.

 

Jetzt kommt das ganz Spannende.

Das Nebenergebnis:

Die Zahl der Frauen, die durch den Fitnesstest fielen, hat sich mehr als verdreifacht.

 

Der erste Test nach der Geburt bei beiden Gruppen war ungefähr 8 Monate nach der Geburt.

8 Monate.

Und trotzdem war ihre körperliche Leistungsfähigkeit im Durchschnitt noch deutlich niedriger als vor der Schwangerschaft.

 

Selbst wenn wir all die komplexen postpartum Themen komplett weglassen und wirklich nur ganz plump fragen:

Kann diese Frau wieder dieselbe körperliche Leistung abrufen wie vor ihrer Schwangerschaft? ...

... lautet die Antwort bei vielen Frauen sehr lange: Nein.

 

Und wir reden hier immer noch von jungen Soldatinnen.

Frauen, deren Beruf körperliche Fitness voraussetzt.

Die regelmäßig getestet werden.

Die während der Schwangerschaft Zeit für angepasstes Training bekommen.

Die nach ihrer Rückkehr wieder organisiert mit ihrer Einheit trainieren.

 

Jetzt kann man natürlich über diesen Fitnesstest diskutieren. Aber das tu ich jetzt nicht. 

Sit Ups, Liegestütze und Rennen sind keine postpartum Tests für Funktionalität.

Darum geht's auch gar nicht.

Es geht um das große Ganze.

 

 

Das sehr überraschende Ergebnis

Innerhalb von 30 Monaten hatten gerade einmal 55 % der Frauen mindestens einmal wieder ihren persönlichen Fitness-Gesamtscore von vor der Schwangerschaft erreicht.

 

30 Monate. Zweieinhalb Jahre.

Nach 36 Monaten waren es 75 %.

 

Und die Autoren schätzten anhand ihrer Daten, dass selbst nach mehr als vier Jahren noch etwa 15–20 % der Soldatinnen ihr früheres Fitnessniveau nicht wieder erreichen würden ‼️

 

Und DAS waren Soldatinnen.

 

Und bevor wir jetzt anfangen, aus den Soldatinnen eine Gruppe von Elitekämpferinnen zu machen: Darum geht es nicht. Es waren Active-Duty-Soldatinnen aus unterschiedlichen Bereichen der Army. Sie unterlagen aber alle den regelmäßigen Fitnessanforderungen und mussten diesen Test absolvieren.


Belastbarkeit ist kein Datum im Kalender

 

 

 

Und gleichzeitig wird "normalen" Frauen nach sechs Wochen erzählt:

Alles gut verheilt. Sie dürfen wieder alles machen.

Nach zwölf Wochen fragen wir, ob sie schon mit der Rückbildung fertig ist.

Nach sechs Monaten wundert sie sich, warum sie nach dem Joggen Knieschmerzen hat und dauernd aufs Klo muss.

Und nach einem Jahr denkt sie, mit ihr stimmt etwas nicht, weil ihr Körper immer noch nicht so funktioniert wie vorher.

 

Wenn selbst bei körperlich trainierten Frauen in der Army nach 30 Monaten gerade mal 55 % ihr früheres Fitnessniveau wieder erreicht haben, musst DU das schon fünfmal nicht nach 12 Monaten‼️

Und wir als Therapeutinnen sollten diese Vorstellungen nicht auch noch unterstützen, dass da irgendwas ganz rasant gehen muss.

 

Auch in dieser Population gibt es eine riesige individuelle Streuung.

Deshalb funktionieren starre postpartum Zeitpläne auch so schlecht.

Einige Soldatinnen haben ihr altes Leistungsniveau sehr schnell wieder erreicht. Andere haben Monate und Jahre gebraucht.

  

Vielleicht müssen wir wirklich einmal darüber reden, woher wir eigentlich diese absurden Zeitvorstellungen haben.

Schwangerschaft und Geburt sind keine sechswöchige Unterbrechung des normalen Lebens.

 

 

Der Körper passt während einer Schwangerschaft sein gesamtes Herz-Kreislauf-System an.

Seinen Bewegungsapparat.

Seine Bauchwand.

Seinen Beckenboden.

Seine Atmung.

Seine Druckverhältnisse.

Seine Neurophysiologie.

Sein Gehirn.

 

Und dann wird ein Kind geboren.

 

Und wir tun teilweise immer noch so, als müsste man danach nur kurz warten, bis alles "verheilt" ist, ein paar Beckenbodenübungen machen und dann ist das System wieder "das alte".

 

So funktioniert der Körper nicht.

Er muss sich komplett reorganisieren.

Das dauert zum einen, wie wir ja gerade gesehen haben.

Und, zum anderen, verläuft diese Reorganisation bei jeder Frau anders. Egal wie unsagbar fit sie vorher war.

Und das potenziert sich ja auch noch, wenn schwerere Verletzungen, Vorerkrankungen oder andere Probleme dazu kommen.

Die Studie untersuchte ja gesunde Active-Duty-Soldatinnen. Nicht Beckenbodenprobleme, Rückenschmerzen, Rektusdiastasen und all das, was wir sonst alles kennen in der Rückbildung.

 

 

Studien sind keine Absolutismen.

Sie untersuchen meistens eine ganz bestimmte Gruppe an Menschen unter ganz bestimmten Voraussetzungen.

Aber das bedeutet ja nicht, dass wir aus ihren Ergebnissen nichts für andere Menschen lernen können.

 

Diese Studie sagt nicht, alle Frauen brauchen drei Jahre für die Rückbildung.

Sie zeigt aber, dass selbst innerhalb einer körperlich trainierten Population mit regelmäßigen Fitnessanforderungen und strukturierten Trainingsbedingungen die Verläufe nach einer Schwangerschaft enorm unterschiedlich sein können.

 

Die einen erreichten ihr früheres Leistungsniveau schnell wieder. Andere brauchten Jahre.

Schwangerschaft und Geburt sind kein lineares Detraining-Retraining-Modell.

Auch die Army Frauen haben dieselben physiologischen und hormonellen Prozesse wie die "nomal" Mamas

Auch die Army Mamas haben weiches, überdehntes Gewebe.

Auch die Army Mamas haben Schlafentzug und sind müde.

 

Wir können deshalb auch nicht einfach umgekehrt sagen: Eine weniger trainierte Frau hat ein niedrigeres Ausgangsniveau, also weniger "wieder aufzubauen“ und ist automatisch schneller wieder dort. Das ist viel zu einfach gedacht.

So linear funktioniert der menschliche Körper nicht.

Und ich sehe eher, wenn du vorher schon ein gewisses Level hast, bist du mit Trainingsroutinen eher besser dran. Dein Körper kennt das und kann das.

Bei sehr vielen "normal" Mamas läuft das nicht so automatisch. Die müssen sich sehr oft erst mal mit ihrem Körper auseinandersetzen, was sie vorher vielleicht nie wirklich so getan haben. Und für die ist es oft viel schwieriger überhaupt eine gute Grundspannung wieder rein zu bekommen.

 

Und vielleicht sollten wir genau deshalb immer sehr vorsichtig damit sein, Frauen irgendwelche Zeitpunkte vorzugeben, an denen sie wieder "wie vorher“ sein sollen.

Das ist wirklich einfach fahrlässig und unnötig.

 

6 Wochen.

12 Wochen.

3 Monate.

1 Jahr.

"Ab dann darfst du joggen."

"Ab dann darfst du wieder Bauchtraining machen."

"Jetzt müsste die Rektusdiastase aber langsam zu sein."

 

Die Ausnahme ist immer, wenn eine Frau inkontinent ist und/oder schwerere Verletzungen, Schmerzen und Problem hat. Dann bitte nicht "zuwarten", sondern so früh wie möglich abchecken lassen.

 

 

Ein Zeitpunkt kann nicht mit einer Funktion gleichgesetzt werden.

Und vielleicht sollten wir postpartum endlich aufhören zu fragen:

Wann darf sie wieder?

Und viel häufiger fragen:

Was kann ihr Körper gerade – und wie macht er das?

Und dann natürlich:

Was kann ich als Therapeutin beitragen, dass es diesen Frauen gut geht und sie gesund bleiben und sie nicht im Leistungsdruck versinken.

 

Wir können einer Frau sagen: Dein Körper muss heute nicht irgendeinen Zeitpunkt erfüllen. 

Wir können hinschauen.

Untersuchen.

Beruhigen.

Da sein.

Verstehen, was gerade funktioniert und was noch unsere Unterstützung braucht.

Wir können ihr helfen, Belastbarkeit wieder aufzubauen, ohne sie dabei ständig mit einem "von vorher" Körper oder irgendeiner Norm zu vergleichen. Oder das als Ziel zu nehmen.

 

 

Belastbarkeit ist kein Datum im Kalender.

Und auch keine Frage von Motivation oder dem Schweinehund.

Schema F gibt es nicht und den Menschen kann man unsagbar schlecht in Statistiken pressen, die dann auch noch erfüllt werden sollen. ("Normwerte" und so).

 

Wir sollten einfach damit aufhören, Frauen in vorgefertigte Normen zu pressen.

 

Wir haben noch sehr viel zu tun..... 

 

 

Quelle: DeGroot DW, Sitler CA, Lustik MB, et al.

The effect of pregnancy and the duration of postpartum convalescence on the physical fitness of healthy women: A cohort study of active duty servicewomen receiving 6 weeks versus 12 weeks convalescence.

 

 


Hi, ich bin die Nicole. Ich bin seit über 25 Jahren Physiotherapeutin und habe viele Jahre auf der Wochenstation und auf der gynäkologischen Station in der Frauenklinik gearbeitet. Von mir bekommst Du Informationen zum "Thema" aus erster Hand. 

Rückbildung vom ersten Tag an, im Rückbildungskurs, in der Praxis mit Patienten und leider auch oft die Spätfolgen von Beckenbodenschwächen (und was es sonst noch alles geben kann)  in der operativen Gynäkologie, kenne ich in und auswendig. 

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