Rektusdiastase - Warum eine Schließung der Lücke nicht immer das Ziel ist

 

 

Eine Rektusdiastase ist kein eindimensionales Problem.

Leider wird immer noch  viel zu viel Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Bauchmuskeln gelegt, oder falls eine Rektusdiastase vorhanden ist, auf die Schließung selbiger.

 

Ich möchte gleich zu Anfang nochmal kurz unterscheiden, dass eine Rektusdiastase nicht gleich

"der Bauch" ist, der sich unten vorwölbt und der nicht weg gehen will. Eine Rektusdiastase ist auch nicht unbedingt verantwortlich für diesen Bauch. Das sind zwei verschiedene Sachen.

"Der Bauch" kann eine Rektusdiastase haben, muss aber nicht. Wenn er keine Rektusdiastase hat, braucht er aber trotzdem die selben Übungen, um (natürlich auch) die Bauchmuskeln, den ganzen Rest des Rumpfes und des Körpers wieder in die normale Funktion zu bringen.

 

Wenn der Bauch nun aber eine Rektusdiastase hat, sollte man sich trotzdem nicht darauf fixieren, diese Lücke schließen zu müssen oder es als Ziel zu formulieren, dass sie kleiner werden muss.

Ich komme auch gleich ganz genau darauf zurück, warum eine Fixierung auf die Lücke oder auf den Bauch generell, nicht von Vorteil ist und warum das auch gar nicht nötig ist. 

 

Eine Rektusdiastase ist nur EIN Symptom eines multidimensionalen Körpers und ein Symptom mit vielen Aspekten. 

Man kann und sollte den Erfolg und den Fortschritt nicht allein daran fest machen, ob die Lücke kleiner wird oder ob sie sich schließt, weil das anatomisch gar nicht so funktioniert.

 

Warum es Rektusdiastasen gibt, warum die einen das haben und die anderen nicht, ist wissenschaftlich nicht belegbar.

 

Die am meisten verbreitetste Herangehensweise an dieses Symptom ist, dass die Lücke geschlossen werden muss, dass Bauchmuskeltraining gemacht wird, oder dass im Zweifel die Lücke mit einer Bauchbinde zusammengeschoben werden soll.

Tut's aber oft trotzdem nicht. 

 

Die Bauchmuskeln können eine Rektusdiastase nicht schließen. Das liegt nicht in ihrer Funktion, wenn man die Anatomie und die Zugrichtungen genau betrachtet. Sie ziehen die Lücke auseinander.

Wer auf meiner Seite schon eine Weile mitliest, weiß inzwischen, dass normales Bauchmuskelntraining nicht der Weg ist und wir unbedingt die tiefen Bauchmuskeln trainieren müssen, um den Rumpf stabil zu bekommen. 

 

Das Sache mit den tiefen Bauchmuskeln ist nun aber, dass auch diese die Lücke auseinander ziehen und keineswegs schließen.

Trotzdem brauchen wir gerade diese Muskulatur.

 

Heute wird's mal ein bißchen fachchinesischer und faktischer. Vielleicht auch ganz interessant für meine Physiokollegen.

Die kanadische Physiotherapeutin Diane Lee hat sehr viel geforscht auf diesem Gebiet und mit renommierten Ärzten ihre Studien ausgearbeitet. Nach ihren neuen Erkenntnissen habe ich auch meinen "Rückbildung mit Rektusdiastase" Onlinekurs konzipiert.

 

 

Also, los geht's.

 

 

Die tiefe Bauchmuskulatur verengt nicht die Rektusdiastase!

Es zeigen sogar mehrere Studien, dass die tiefe Bauchmuskulatur gerade das Verengen einer Rektusdiastase verhindert. (Wie eben auch alle anderen Bauchmuskeln).

(Lee & Hodges 2016). 

 

So, und jetzt?

Sind wir alle verwirrt ...... :) 

  

Wenn jetzt die tiefe Muskulatur die Lücke auch nicht kleiner macht, was dann? 

Und wir wollen ja unbedingt die tiefe Muskulatur trainieren. Das hat ja alles Hand und Fuss.

Aber, wir müssen trotzdem wissen, warum wir das tun und was für Auswirkungen das hat, bevor wir uns drauf fixieren, dass es das ultimative Ziel ist, die Lücke zu schließen. Weil das nämlich erstens gar nicht unbedingt nötig ist. Und zweitens, weil eben alle Bauchmuskeln gerade nicht dazu beitragen, die Lücke zu schließen. Wir wollen mit den tiefen Muskeln etwas ganz anderes erreichen.

(Beim "Normalmensch" ohne Lücke und ohne überdehnte Bauchmuskeln passiert natürlich nichts Schlimmes, wenn man ganz normales Bauchmuskeltraining macht. Dennoch gibt es Fälle, bei denen durch exzessives Bauchmuskeltraining über Jahre hinweg tatsächlich eine Rektusdiastase entstanden ist. Aber genauso gibt es Fälle, bei denen durch exzessives Armtraining die Bizepssehne oder die Supraspintussehne reißt, oder ein Impingement Syndrom der Schulter mit wahnsinnigen Schmerzen entstehen kann. Und das alles nicht unbedingt mal selten. Also von daher.....).

 

Manche Lücken schließen sich nicht. Und trotzdem kann der Körper völlig funktionell wiederhergestellt werden und funktionieren.

Wenn ich meinen Schwerpunkt als Therapeut oder als Patient auf die Lücke lege, diese sich aber auch mit eingehendem Training nicht schließt (was sie ja auch gar nicht zwingend muss) ..... was dann?

Dann hab ich eine Patientin, die denkt, sie ist nicht normal und wird es auch nie wieder sein, weil da eben noch dieser Spalt ist.

 

Das ist die Gefahr dieser Zielformulierung oder Zielvorstellung.

Dann könnte nämlich auch das OP Thema viel zu schnell auf den Tisch kommen, wo es vielleicht überhaupt nicht nötig wäre, würde man die richtige funktionelle Anatomie und Physiologie kennen.

 

Manche Lücken schließen sich nicht, sind aber trotzdem voll funktionsfähig und stabil.

Wenn wir aber  immer die Breite der Lücke als Maßeinheit nehmen, um einen Fortschritt zu deklarieren, wird die Patientin unweigerlich nur noch das im Blick haben. Und wir natürlich auch. Dann sehen wir das große Ganze erstens nicht mehr und zweitens muss die Lücke tatsächlich nicht zwingend zu sein, um "normal" funktionieren zu können. 

Außerdem kommt noch erschwerend dazu, dass wenn wir ständig die Lücke testen, mit einem Situp zum Beispiel, dann testen wir in der Dysfunktion und provozieren die Lücke noch mehr. Was auf Dauer halt nicht so gut ist.

 

Unser Ziel mit der tiefen Bauchmuskulatur ist es, dass mit der Anspannung der beiden Transversus Abdominis Muskeln, mehr Spannung auf die Linea Alba kommt, also auf die Faszie/Aponeurose zwischen den Bauchmuskeln, siehe Foto unten.

Wenn die tiefe Muskulatur korrekt aktiviert wird, kann die Lücke breiter werden, weil genau das die Funktion der beiden Transversus Abdominis Muskeln ist. Sie ziehen nach außen. 

Im "gesunden" Menschen passiert da kein von-einander-weg-bewegen der Muskulatur.

 

Wenn die beiden Transversus Abdominis Muskeln nach außen ziehen, spannen sie die Linea Alba zwischen sich. Und genau das ist das eigentliche große Ziel.

Durch Spannung entsteht Stabilität.

 

Eine Wiederherstellung der Spannung und eine funktionell mögliche Kraftübertragung sind das Ziel. Um die Linea Alba zu mehr Spannung auf Dauer zu bewegen, muss sie trainiert werden. Sie braucht "Ladung". Aber so, dass der Druck und die Anspannung nicht die Bauchwand sprengen, wie das bei Situps und allen Übungen, die zu viel Druck machen, passiert. 

 

Es kann durchaus und unbedingt als eine Verbesserung angesehen werden, wenn die Lücke breiter geworden ist, dafür aber die Spannung innerhalb der Lücke deutlich besser geworden ist.

Ein deutliches Zeichen dafür, dass die Stabilität besser geworden ist, wäre zum Beispiel auch im Einbeinstand zu testen, in welchem Maße die Patientin das halten kann ohne zu wackeln, ohne das muskulär woanders auszugleichen, ohne den Bauch rauszupressen oder mit dem Becken komplett abzukippen. 

 

Es geht nicht darum die Lücke um jeden Preis zu schließen. 

Wenn die Lücke zu ist, aber keine innere Grundstabilität hergestellt werden kann bzw. keine oder wenig Aktivierung der tiefen Transversus Abdominis Muskeln passiert, ist das auf Dauer kein Gewinn.

 

Man geht davon aus, dass eine erhöhte Spannung der Linea Alba das Iliosacralgelenk stabilisiert. Damit also auch das Becken an sich. Und damit hat auch der Beckenboden eine stabile Grundlage für seine muskulären Ansätze und kann besser arbeiten.

Der Beckenboden und die tiefe Bauchmuskulatur arbeiten Hand in Hand. Faszie an Faszie und Muskel an Muskel. (Die Zusammenhänge mit den Faszien des Verdauungstraktes und der restlichen Beckenorgane bis hin zu den Faszien im Kopfbereich, laß ich jetzt mal aus. Das wird zu kompliziert, gehört aber im Prinzip genauso dazu und erklärt viele andere Symptome im Zusammenhang).

 

Wenn ich jetzt die Linea Alba ganz besonders herauspicke, um die Zusammenhänge zu erklären, ist das auch nur ein einzelner Aspekt des ganzen Geschehens. Wie gesagt, multidimensional. Man muss auch immer auf die Suche nach anderen "Blockierern" im Körper gehen und den ganzen Menschen anschauen. Dazu komme ich gleich.

 

Unter anderem müssen wir den Patienten beibringen, wie sie es schaffen können, diese tiefen Muskeln anzuspannen. Manchmal ist das sehr schwierig und dauert eine ganze Weile, bis die Muskeln wieder wissen, was sie machen sollen und bis das Gehirn versteht, was gewünscht ist. Das Gehirn hat sich nach der Geburt eine "Aktivierungsstrategie" der Muskeln zugelegt, um bestmöglich kraftschonend, gefahrverhindernd und ausgleichend den Körper bewegen zu können.

Der ganze Körper versucht in dieser postnatalen Phase so gut es geht, die mangelnden Funktionen auszugleichen, und auch sämtliche Rückbildungsarbeit auf natürliche Art und Weise zu leisten. Er ist damit sehr sehr beschäftigt. Das ist nicht ganz einfach. 

 

Wir müssen auch allen Frauen beibringen, dass sie unbedingt aufhören müssen, ständig diese Lücke zu testen und zu messen. Das kann tatsächlich zu einer regelrechten Obsession werden.

Und, wie schon erwähnt, kann es zu einem unbewußten Situp-Training werden, dass die ganze Sache noch verschlimmert. Es ist ganz egal wie man die Lücke testet. Sitzen, Stehen, Liegen, Kopf hoch, Beine hoch usw. Tatsache ist, dass jedes Mal genau der Druck auf die Lücke kommt, den die Muskulatur (noch) nicht halten kann.

Einmal testen und dann für die nächste Woche(n) in Ruhe lassen, den Rest bearbeiten und weiter machen im Programm.

Ich weiß, das kann vielleicht am Anfang ein bißchen schwer werden, ist aber wichtig und kann für jede einzelne Betroffene und Physio eine kleine Selbst-Erziehungsmaßnahme werden ;) 

 

Vor allem passiert Fortschritt ja auch nicht rapide. Es kann am Anfang ganz schnell ganz große Sprünge geben, wenn man mit den richtigen Übungen oder Therapie anfängt. Der Bauch saugt das auf wie ein Schwamm und ist dankbar, dass er endlich in seinem, ihm möglichen, Rahmen gefordert wird und arbeiten darf.

Das ist bei jedem Training so und auch bei jeder Diät. Dann kommen die Plateauphasen und man fängt an, sich darauf zu fixieren, dass es nicht weiter geht, die Lücke immer noch nicht zu ist und dann wird das Gehirnkino immer größer. 

Man muss einfach nur dran bleiben. Und das ist das Schwierigste.

 

Diane Lee antwortet auf die Frage, wann eine OP nötig ist, dass man sich nicht fragen soll  

"how wide ist too wide", also nicht fragen, wann ist eine Lücke zu breit und die Breite als Maßstab nehmen.

Eine OP kann dann nötig sein, sagt sie, wenn das fasziale System, trotz eingehendem Training keine Spannung erzeugen kann oder nicht fähig ist Spannung zu erzeugen, obwohl die tiefe Muskulatur optimal aktiviert werden kann. Wenn der Rumpf nicht für genügend Stabilität sorgen kann, während sich der Körper bewegt. 

Um herauszufinden, ob und wann das der Fall ist, braucht es eine geschulte Physiotherapeutin und einen Arzt, der sich tatsächlich auskennt. Links zu Diane Lee's Ausbildungsreihe und auch ihre Einschätzung dazu, wann eine OP nötig ist, hab ich am Ende des Artikels gelistet.

 

Da das ganze Rektusdiastasenproblem nicht eindimensional betrachtbar ist, müssen wir als Physios wirklich gut aufpassen, was wir den Patienten mitgeben.

Wenn wir als Zielformulierung "Schließen der Lücke" oder "Verkleinern der Lücke" angeben, ist das nicht ganz so günstig.

"Mehr Spannung in der Linea Alba" wäre ein besseres Ziel. Oder mehr Stabilität bei verschiedenen andern Funktionen, die der Mensch täglich verrichten muss. 

Und vor allem muss man auf die Suche gehen, nach den Sachen, die vielleicht im Gesamtgefüge nicht ganz rund laufen.

 

Im Lauf der Zeit, mit den angepassten Übungen und Behandlungen, kann eine Diastase dabei natürlich schmaler werden. Das ist ganz toll und ein super Zugewinn. Oft passiert das ja dann auch im Zuge aller Maßnahmen.

 

Was man bei der ganzen Sache aber auf keinen Fall auch nicht vergessen darf:

Die geraden Bauchmuskeln werden nicht nur überdehnt in der Schwangerschaft, sondern auch tatsächlich in ihrer Größe verlängert. Das ist ein Faktor, der auch sehr lange braucht, bis er wieder auf Normalmaß geschrumpft ist und was verhindern kann, dass die Lücke sich schließt. Die geraden Bauchmuskeln sind ganz oft einfach noch zu lang. Die können sich gar nicht aneinander legen, weil sie schlicht und ergreifend noch zu lang sind. Und "zu lange" Muskulatur arbeitet nun mal auch nicht optimal.

 

 

Linea Alba, Faszie bzw. Aponeurose. Der Rectus Abdominis ist obendrauf im Normalfall (wenn Körper lebt) und der Obliquus Externus auch. Bild "Medical Dictionary".

 

 

 

Bilder: Anatomie Atlas Sobotta/Becher.

 

 

Warum so viele Trainingsprogramme darauf ausgerichtet sind, dass die Lücke sich mit Bauchmuskeltraining schließen läßt oder generell geschlossen werden soll, erklärt das folgende, veraltete Anatomiemodell. 

 

 

Das veraltete Schema der Rektusscheide und der Linea Alba

Das hier ist die veraltete Schematisierung der Rektusscheide (da wo sich in der Mitte alle Muskeln treffen) oberhalb und unterhalb des Bauchnabels aus dem Grey's Anatomy Buch von 2008. 

Es zeigt den Querschnitt durch den Bauch.

Das orangefarbene in der Mitte, sind die Muskelbäuche der geraden Bauchmuskeln. Die anderen 3 orangefarbenen Teile sind von außen nach innen: Obliquus Externus, Obliquus Internus (die schrägen Bauchmuskeln),  

Transversus Abdominis (die tiefen). Jeder dieser Muskeln ist jeweils links und rechts vorhanden.

Die Pfeile zeigen die angebliche Zugrichtung der Muskeln an. Durch die Überkreuzung wäre die Annahme korrekt, dass bei Anspannung der Bauchmuskeln, eine Rektusdiastase kleiner wird.

Ich hab das auch noch genau so gelernt früher in der Ausbildung.

Nach den neuen Untersuchungen, gibt es aber keine Überkreuzung der Fasern. Das heißt, es gibt auch keinen "Korsett-Effekt". Und das heißt, die Bauchmuskeln "verschnüren" nicht die Linea Alba oder den Bauch und können eine Rektusdiastase nicht verkleinern oder schließen.

 

Das nächste Bild ist eine ganz normale, einfache Darstellung ohne Zugrichtungen und Pfeile, wie es sie in allen gängigen Anatomiebüchern gibt. Man erkennt den Aufbau ein bißchen besser. Natürlich ist der Mensch nicht so schematisch. Die Linea Alba und die ganzen Verbindungen auf der Vorderseite des Rumpfes, sind sehr viel spezifischer organisiert, aufgebaut und ausgerichtet.

Bild: Sobotta/ Becher

 

Das neue, und für uns wichtige, anwendbare Schema der Rektusscheide und der Linea Alba

 

Die Studie von H. Axer, 2001, zeigt einen ganz anderen Aufbau als oben. Mit ganz speziellen Microlaser Untersuchungen konnte er eine andere Anordnung der Fasern finden. Siehe nächstes Bild.

("Collagen Fibres in Linea Alba and Rectus Sheaths"). 

Obwohl diese Studie auch nicht mehr "neu" ist, sondern schon von 2001, ist sie dennoch so nicht in den Anatomiebüchern zu finden. Ich denke, das liegt einfach daran, dass Verlage nicht forschen, sondern nur Neuauflagen "drucken".

Zusätzlich zu diesem Model, hat Diane Lee ihre eigenen Studien gemacht, mit Hilfe von speziellen Ultraschalluntersuchungen der Linea Alba und deren Verhalten bei Anspannung an ihren Patientinnen mit Rektusdiastase. Das heißt, sie kann vom funktionellen Standpunkt her belegen, dass eine Verbreiterung einer Rektusdiastase oft von Vorteil ist, wenn sich dadurch die Faszie spannt und der Körper der Patientin mehr Stabilität und Funktion bekommt.

 

 

 

 

 

 

 

Als Lösung für ein Symptom mit vielen Aspekten, wie eine Rektusdiastase, muss man in der Therapie und im Befund genau kucken was passiert bei Anspannung und bei den Provokationstests. Der ausschlaggebende Faktor einer Nicht-Funktionalität bzw. einer generellen Instabilität oder von muskulären Kompensationsmechanismen, könnte nämlich auch von wo ganz anders her kommen.

 

Eine Rektusdiastase muss nicht zwingend der Grund für einen instabilen Körper sein.

 

Diane Lee nennt das den "Primary Driver". Das ist sind die Stellen, oder die eine Stelle, im Körper, die verantwortlich ist (oder sein könnte), wenn alle nachfolgenden Bewegungsabläufe nicht so laufen wie sie laufen sollen oder die verhindern, dass sich woanders Stabilität aufbauen kann.

Wenn zum Beispiel der Brustkorb in die eine Richtung rotiert im Einbeinstand und das Becken in die andere Richtung, so dass man es nicht schafft ruhig auf einem Bein zu stehen ohne zu wackeln, muss man schauen, wo das her kommt. Das liegt nicht immer nur an der Kraft der Beinmuskeln oder dem alleinigen Vorhandensein einer Rektusdiastase. 

Wo ist die Henne, wo das Huhn? Im Prinzip ist das ganz normale physiotherapeutische Detektivarbeit wie bei jedem anderen Symptom auch. Und im Prinzip muss man dazu keine hochausgebildete postnatal Physio sein, um einen ganzheitlichen Befund zu machen. Jede(r) Physio sollte zum Beispiel einen verkürzten Iliopsoas, der das Becken in einer nach-vorne-gekippten-Schwangerschaftsstellung hält, erkennen und behandeln können. Jede(r) sollte einen verkürzten Piriformis, Pectoralis, Nacken behandeln können, welche die Aufrichtung verhindern und die den postnatalen Körper in seiner Position halten können. Was dann im Endeffekt als Gesamtsituation die funktionelle Aktivierung der Bauch- und Beckenbodenmuskeln verhindern kann. Macht Sinn, oder?

Das füge ich nur kurz ein, weil ich ja weiß, wie viele von Euch eine ausgebildete Physio suchen, die sich mit Rektusdiastasen auskennt. Klar ist das super, wenn man jemanden findet. Unbedingt und immer zu empfehlen. Aber aus Ermangelung an spezialisierten Physios, meine ich, man kann auch schon den Anfang des Weges gehen und jemanden suchen, der einfach ein guter Physio ist und der/die all die anderen Zusammenhänge, die wichtig sind, sieht und behandeln kann (und der sich nicht gleich auf die Bauchmuskeln und deren intensives Training stürzt). Das wär doch schon mal die halbe Miete.

 

Den Primary Driver muß man finden und das Problem dort beheben, wo es entsteht innerhalb eines Bewegungsablaufs. Das ist bei der Rektusdiastase oft auch so. Und auch bei Inkontinenzen, Beckenbodenproblemen und Senkungen. Genauso bei einer "ganz normalen" Frozen Shoulder, Rückenschmerzen oder einem Knieproblem.

Oft läuft irgend etwas schief, was nichts mit dem eigentlichen Symptom zu tun hat. Das ist auch bei dem Bauch oder dem Beckenboden so. Der ganze Mensch ist einfach sehr sehr komplex.

Genauso funktioniert auch die Osteopathie. Nur die beinhaltet kein Trainingsprogramm.

 

Als einfaches Beispiel, wie so eine "Problemverschiebung" funktioniert, kann man kurz ein ganz anderes Problem hernehmen. Wenn jemand einen Buckel macht und das über Jahre, ist das eigentliche Problem vielleicht, dass die Vorderseite verkürzt ist, oder vielleicht dass der Bauch jahrelang immer dermaßen gebläht ist, dass es faszial den ganzen Rumpf nach vorne unten zieht. Damit gibt es natürlich Symptome auf der Rückseite, also dem Rücken.

Die Frage wäre also in diesem Fall, warum macht man den Buckel, was ist der Auslöser? Wenn man jetzt nur den Rücken behandelt, ist das Problem am Ende nicht besser. Man muß vorne behandeln und die Verkürzungen beseitigen oder die Verdauung in den Griff bekommen oder was auch immer da vorne los ist. Natürlich muss man auch der Rücken behandeln und dort die Blockierungen lösen, die durch die Fehlhaltung entstanden sind.  Aber ohne das große Ganze zu behandeln, kommt es vielleicht nicht zu einer endgültigen Verbesserung. 

 

Die Lösung ist nicht einfach nur die Lücke zu schließen durch Training, wie gesagt. Genauso wenig wie es oft die Lösung ist, vehementes Beckenbodentraining zu machen. Auch das ist multidimensional. Nur kurz nebenbei.

Jede dieser Patientinnen hat sich ganz individuelle Aktivierungsstrategien ihrer Muskulatur angeeignet nach der Geburt, um fehlende Kraft auszugleichen und hatte zusätzlich schon ihre eingeschliffenen Bewegungsmuster vorher.

 

Natürlich muss man im Verlauf die Bauchmuskulatur stärken und wieder aufbauen. Gar keine Frage!

Das gehört dazu zu einem ganzheitlichen Ansatz. Aber es ist nicht das einzige, was man tun kann/muss/sollte.

 

 

 

 

 

  

Um noch einmal kurz die Zusammenhänge aller Strukturen zu beleuchten, habe ich zum Schluß noch eine weitere Studie.

 

Folgendes ist aus der Studie "Pain and motor control of the pelvic region: effect and possible mechanisms" von Lorimer Moseley und Paul Hodges (der oben schon erwähnt wurde und der auch mit Diane Lee geforscht hat), in der es speziell um Schmerzen im Lenden-/ Beckenbereich geht.

Der Zusammenhang zwischen Rückenschmerzen, Schmerzen im Beckengürtel, Inkontinenz und Senkungen sind ganz gut erforscht von verschiedener Stellen her.

Im Bereich Rektusdiastase und Bauchwandhernien ist die Forschung noch nicht ganz so ausgeprägt, aber die Ergebnisse dieser Studie, lassen sich genauso gut auf Rektusdiastasen und Bauchwandhernien übertragen und sie macht deutlich, was man als Physio noch so mit in Betracht ziehen sollte.

  • die tiefen Muskeln sind oft kompromittiert, die Aktivierung der Muskulatur ist entweder nicht vorhanden, vermindert oder verzögert (Transversus Abdominis, Mm. Multifidi).
  • Die oberflächlichen Muskeln sind vergrößert, die Aktivierung ist dominant, sie feuern zu viel oder zu früh (Erector Spinae (iliocostalis und longissimus)).
  • Die Beckenbodenmuskeln können in ihrer Aktivierung entweder vermindert, dominant oder exzessiv sein.
  • die generelle, veränderte Aktivierungsstrategie der Muskulatur jedes einzelnen Patienten ist individuell verschieden. Und auch "innerhalb" eines Patienten kann, in bestimmten Bewegungen oder Ausgangsstellungen, die Aktivierung der jeweiligen Muskeln ganz individuell verschieden sein.
  • es gibt keine Strategie zur Muskelaktivierung, die universell gleich ist für alle.
  • Patienten mit Rückenschmerzen zeigen eher eine Umverteilung der Muskelaktivität innerhalb und zwischen Muskeln, als eine Aktivierung oder Hemmung in einem "typischen" Muster. Dieses zeigt sich auch in Patienten mit Beckenbodenproblemen und Schmerzen im Beckenbereich. Was so viel heißt wie, es ist bei allen anders, es gibt keine universellen Regeln oder generell typischen Bewegungs-Muster für ein Symptom. Ein Symptom, auch wenn es den gleichen Namen trägt, ist bei jedem Patient dennoch individuell anders.
  • Alle multisegmentalen Muskeln des Rumpfs tragen zur Kontrolle, Stabilität und Bewegung bei.
  • Wenn das Rehabilitationsziel ist, die jeweilige motorische Anpassungsstrategie des Patienten zu verändern, dann muß das auf individueller Basis geschehen, angepaßt an die jeweilige muskuläre "coping"- Strategie des einzelnen Patienten. Das heißt so viel wie, jeder Patient hat sich einen individuellen muskulären Ausgleichsmechanismus angeeignet. Dieser muß vom Physioterapeuten erkannt und behandelt werden. Deshalb gibt es keine eine Übung, die eine Rektusdiastase schließt oder einen Bauch "weg macht". Deshalb gibt es auch keine Aussage darüber wie lange etwas dauert. Viele Bewegungsmuster und Kompensationsmechanismen gibt es schon seit Jahren in dem jeweiligen Patient. Kommt dann ein muskuläres Trauma wie eine Schwangerschaft hinzu (und das ist es, wenn man es medizinisch faktisch betrachtet), ist es umso schwieriger, neue Bewegungsabläufe und Aktivierungsstrategien zu erlernen, da ja durch den traumatisierten Rumpf gleich viele Mechanismen komplett wegfallen.
  • Die motorische Kontrolle wird beeinflußt von Gedanken, Glaubenssätzen, Emotionen und Erfahrungen (sensitiv), die ganz spezifisch für die jeweilige Handlung, Bewegung und das Individuum gelten. Auch Angst vor Schmerz, einer bestimmten Bewegung oder Krankheit, kann ein beitragender Faktor im Gesamtbild sein. Sogar ein bestimmter Ort oder Patz, an dem man eine schlechte Erfahrung oder Schmerzerfahrung gemacht hat, kann eine "motorische Angstreaktion", eine motorische Hemmung, eine motorische Überreaktion oder Schmerzen hervorrufen. 

Ich hab in meiner Übersetzung der Studie noch ein wenig meine eigenen Erklärungen eingefügt zum besseren Verständnis (hoffe ich zumindest ;) ).

Noch mehr erforschte Tatsachen gibt es hier:

-  10 Fakten über Rektusdiastasen  

Ein paar wissenschaftliche Tatsachen über Rektusdiastasen.

 

 

 

Das alleinige Vorhandensein einer Rektusdiastase, der Riss der Faszie oder ein Nabelbruch müssen nicht zwangsweise Spätschäden und ganz dramatische, gesundheitliche Konsequenzen nach sich ziehen. So schnell geht das nicht. Dafür passen wir ja gut auf unseren Körper auf, verhalten uns artgerecht, schleppen und tragen nicht zu viel und machen unsere Übungen. Und suchen uns im Zweifel eine gut geschulte Physiotherapeutin. Leider habe ich keine Therapeutenliste. Ich arbeite dran.

 

Man sollte auch nichts pathologisieren, was nicht nötig ist.

100% aller Frauen haben eine Rektusdiastase zum Zeitpunkt der Geburt. Das ist die Norm und geht physiologisch nicht anders.

   

Das Wichtigste ist, dass man lernt eine gute Spannung über der Lücke herzustellen und mit der Zeit die Faszie kontrollieren zu können (so dass kein Gewebe durch die Lücke quillt), damit diese sich wieder verdickt und stabiler wird, falls sie zu dünn ist. 

Das braucht, wie gesagt, Zeit und Übungen sprich "Ladung" bzw. eine Kraft, die auf die Faszie einwirkt, damit diese arbeiten muß. Aber nicht nur allein das ist wichtig. Beitragende Faktoren müssen beachtet und bearbeitet werden.

 

Manchmal sieht der Fortschritt auch so aus

  • die Lücke wird breiter, dafür ist sie nicht mehr so tief und ist viel jetzt fester
  • die Rippen stehen nicht mehr so ab, aber die Lücke ist gleich
  • eine Kaiserschnittnarbe hat wieder mehr Gefühl und ist nicht mehr so fest und schmerzhaft
  • die Lendenwirbelsäule kann das Bein halten, wenn man es abhebt, ohne ins Hohlkreuz zu gehen
  • der Einbeinstand kann  gehalten werden, ohne dass das Becken abkippt, sich der Rumpf verdreht oder die Patientin wackelt
  • das Atemverhalten hat sich normalisiert
  • der Rumpf kann sich besser aufrecht halten
  • Schmerzen, auch an anderen Stellen, sind weniger
  • andere Symptome haben sich gebessert (Schulter, Knie, Kopf, Kiefer usw.)
  • der Umfang hat abgenommen
  • der Umfang hat bessere Konturen 
  • und vieles mehr, das individuell verschieden sein kann

 

Kurze Zusammenfassung

 

  1. Die Aktivierung der tiefen Bauchmuskulatur kann die Lücke auseinander ziehen. Das ist in Ordnung und hat als Ziel, die Linea Alba zu spannen.
  2. In manchen Patienten spannt sie sich auch nach ausgiebigem Training nicht.
  3. Um einzuschätzen, ab wann eine OP nötig ist, braucht es keine "Zeiteinheit", nach der eine Lücke zu sein muss und auch keine "Breite" als Maßeinheit. Die Funktionalität ist der ausschlaggebende Faktor.
  4. Jeder Patient hat andere Aktivierungsstrategien.
  5. Der Zeitfaktor nach der Geburt darf nicht vergessen werden und sollte auf keinen Fall zu kurz bemessen werden.
  6. Der Zeitfaktor des Training darf auch nicht zu kurz bemessen werden auf die lange Sicht.
  7. Die Überdehnung und Verlängerung der geraden Bauchmuskeln ist ein beitragender Faktor im Gesamtgefüge
  8. Die Zeit seit Beginn des Trainings oder der Therapie spielt eine Rolle. Wenn 2, 3, 4 Jahre oder später nach der Geburt erst angefangen wird mit der "aktiven Regeneration", oder damit die tiefe Bauchmuskulatur zu trainieren, dann ist das der Zeitpunkt Null. Nicht die Geburt an sich.
  9. Eine Rektusdiastase ist eine ganz individuelle "Erscheinung"/Symptom mit vielen individuell spezifischen Faktoren, die zusammen spielen und die bei jeder Person anders sind.
  10. Für eine Therapie muß man das große Ganze sehen und behandeln.
  11. Allein die Breite der Rektusdiastase ist nicht ausschlaggebend für den Fortschritt.
  12. Rektusdiastasen sind völlig individuell und je nach Person unterschiedlich zu behandeln.
  13. Die Dinge, die man nicht tun sollte, bleiben gleich
  14. Übungen müssen ganzheitlich und funktionell sein, ohne die Lücke zu belasten, die Faszie aber trotzdem zu fordern
  15. Eine OP stellt keine muskuläre Kraft und Aktivierungsstrategie her. Das muss trotzdem trainiert werden
  16. Die Fixierung auf einzig die Lücke, sollte nicht geschehen, weil diese nicht der einzige Faktor im Körper ist, der beachtet oder behandelt werden sollte. Außerdem vermittelt das den Patienten den Eindruck, dass nur durch die Schließung der Lücke, ein Erfolg erzielt werden kann.
  17. Man kann auch mit Lücke gut leben. Die Lücke muß nicht zwingend geschlossen sein, damit der Körper funktionell arbeiten kann.

 

 

So, das war jetzt viel Stoff und vielleicht sehr viel Anatomie. Der menschliche Körper ist kein einfaches Ding. Das muss erstmal verdaut werden. Am besten Du machst Dir einen Tee oder Cappuccino und liest alles nochmal :) 

Ich möchte einfach nur aufzeigen, dass es viele Aspekte und Seiten des Geschehens gibt und dass es aber gleichzeitig gar keines Falles aussichtslos ist. Gerade, weil man viele Baustellen behandeln kann, kann es ja auf vielen Ebenen auch vorwärts gehen. Das ist ja nicht nur bei Rektusdiastasen so. Das ist bei allen Menschen mit Symptomen so. Und wer hat keine?

Wichtig bei allem, und als allerletzte Message, wenn man sich nur eins merkt aus meinen ganzen Ausführungen, dann ist es das, dass man sich nicht auf das unbedingte Schließen und "zu sein" der Lücke  einschießen sollte, weil sie nicht zwingend zu sein muss  und auch nicht bei allen "zu geht".

Und, dass man sich nicht an ihr festbeißen sollte und nur noch das als Maß aller Dinge im Kopf hat.

Das könnte auf Dauer zu sehr viel Frustration führen.

 

 

 

Links zu Diane Lee:

Videos und Artikel

 Fortbildungen

Noch mehr von ihrer Seite und  Infos gibt es hier, auch ihre Meinung speziell zu OPs.


Hi, ich bin die Nicole. Ich bin seit 25 Jahren Physiotherapeutin und hab viele Jahre auf der Wochenstation und auf der gynäkologischen Station in der Frauenklinik gearbeitet. Von mir bekommst Du Informationen zum "Thema" aus erster Hand. 

Rückbildung vom ersten Tag an, im Rückbildungskurs, in der Praxis mit Patienten und leider auch oft die Spätfolgen von Beckenbodenschwächen (und was es sonst noch alles geben kann)  in der operativen Gynäkologie, kenne ich in und auswendig. 

Bei mir bist Du richtig, wenn Du reale medizinische Informationen zum Thema Rückbildung und Frauengesundheit suchst. Mehr über mich findest Du hier.


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