Wie die Fitness- und Abnehm- Industrie aus den Ängsten der frischen Mamas Kapital schlägt

 

 

Was mich in den letzten paar Wochen immer mehr beschäftigt, eigentlich seit ich ein Instagram Konto aufgemacht habe und vermehrt auch auf Pinterest surfe, ist, was die Leute alles für Selfies posten und was es alles so an Wunder-Workouts gibt. Vor allem von so manchen Mama Fitness Bloggern, die angeblich innerhalb von 6 Wochen aussehen wie Arnold Schwarzenegger. Oder halt wie Heidi Klum (sie kommt ja immer irgendwie ins Spiel) ;)

Was dann im eigenen Gehirn abläuft, wenn man halt so leider nicht aussieht und auch weit entfernt davon ist so auszusehen, ist klar. Und so ziemlich alle Leute, die ich kenne, mich inklusive, sind weit davon entfernt, so auszusehen. Ich hätte ja schon gar keine Lust, geschweige denn Zeit, jeden Tag 3 Stunden zu trainieren. Vorrangig, vor allen anderen Dingen, ist sowas auch nicht gesund nach der Geburt.

Aber irgendwie bleibt das hängen. Tief im Inneren auf einer ganz unbewußten, vielleicht aber auch bewußten, Ebene, fühlt man sich nicht wohl mit sich. Der Blick in den Spiegel wird zur Tortur. Und die Frage formt sich "Warum sehe ich nicht so aus?"

 

Die Verzweiflung steigt nach und nach. Und irgendwann 3, 6 oder 9 Monaten nach der Geburt, wenn der Bauch immer noch nicht so aussieht wie man ihn kennt, werden Maßnahmen ergriffen. Maßnahmen, die ganz oft leider nur das Interesse der Industrie erfüllt. Nämlich den Müttern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Fitness- und Celebrity-Sternchen haben plötzlich Ahnung davon wie man den Post Baby Body los wird. Tracy Anderson oder Detlef D. Soost werden konsultiert. 

Und dann, wenn nichts funktioniert, was es ja auch nicht kann so schnell nach der Geburt, gehen die Gedanken weiter in der Abwärtsspirale: "Warum krieg ich das nicht hin", "Die anderen können das doch auch", "Ich bin schlecht" und so weiter.

 

Dass ich kein Verfechter von schnell schlank und von rigorosem Training nach der Geburt bin, weiß glaub ich inzwischen jeder, Und auch, dass ich es für grob fahrlässig halte mit dem Baby als Gewicht zu trainieren à la "Kanga" und "Fit Dank Baby". Meiner Meinung nach sind das auch nur Erfindungen der Industrie, um Mütter irgendwie in ihre Fitness Fänge zu bekommen.

Es macht keinen Sinn sich ein Baby um den Hals zu hängen, das zwischen 6 und 10 Kilo wiegt, wenn der Mama ohne das Gewicht des Babys schon zwischen den Bauchmuskeln der Inhalt rausquillt und/oder sie ihr eigenes Wasser nicht halten kann. Wie soll sie das denn dann können mit noch mal 8 Kilo Fremdgewicht, das sich im Zweifel auch noch bewegt? Bei Frauen mit etwas mehr Gewicht sieht man vielleicht auch nicht mal, dass da etwas zwischen den Bauchmuskeln heraus tritt. Ich weiß das klingt hart, ist aber die brutale Wahrheit.

Das Selbe beim Pilates. Das ist was für Leute, die schon stabil sind. Deren Rumpf schon trainiert ist.

Ich halte Pilates und Yoga (bei aller Liebe zum Yoga) null und nicht geeignet für Rückbildungstraining.

Wer, dieser ganzen Trainer, checkt die Frauen vor den Übungen auf Rektusdiastasen, Inkontinenz und Instabilitäten? Kein einziger.

Wen interessiert das, ob die Frauen nach der Session vielleicht deutlich öfter zur Toilette gehen müssen oder gar mehr Wasser verlieren? Wen interessiert das, dass eine Rektusdiastase sich nicht schließt?

Liebe Trainer und Instruktoren, ich bitte vielmals um Verzeihung, aber es ist leider so.

Diese Sachen sind gut für Leute, die NICHT geboren haben oder bei denen die Geburt lange her ist und die im Kern und unten rum stabil sind..... Aber das ist absolut nichts für frische Mamas. Frisch im Sinne von 1-2 Jahren postnatal. Diese Uhr geht anders ;)

Oh weh. Man könnte tatsächlich meinen, ich bin gegen alles.... aber ich bin nur vorsichtig und weiß um die Konsequenzen, weil ich sie tagtäglich in der Klinik auf Station erlebe. Frauen, die operiert werden müssen, weil das Innenleben nach außen kommt. Allerdings ist das heute nicht mein Thema.

 

Mein Thema heute ist, wie aus der Angst der Mütter und Frauen Profit geschlagen wird in der

Fitness- und Abnehm-Industrie. Und, dass ich denke, dass das genau der Grund ist, warum es eben nicht verbreitet wird, dass Rückbildung anders funktioniert. Und, dass immer noch verbreitet wird, dass das "normale" Tempo der Rückbildung nicht normal ist. Und das obwohl die Physiologie des Körpers seit jahrmillionen die selbe ist.

Es werden unterbewußt Ängste geschürt, damit der Markt der Mütter alles kauft, was es so gibt, nur um den Zustand "weg zu machen".

 

Was sind die Grundängste von Müttern? Natürlich, dass es ihren Kindern gut geht und sie gute Mütter sind. Ganz klar. Dazu kommen aber noch ein paar ganz andere:

  • Bin ich nach der Geburt noch attraktiv genug? 
  • Werde ich jemals wieder sein und aussehen wie vorher?
  • Findet mich mein Mann noch attraktiv?
  • Wann geht der Bauch weg?
  • Wann gehen die Kilos weg
  • Bin ich normal?
  • Schaffe ich das alles?
  • Andere schaffen es viel besser (tun sie nicht, nur zur Beruhigung)
  • Ich bin ein Loser
  • Ich bin schwach
  • Ich bin nichts wert
  • So liebt mich doch eh niemand
  • Scheiße, ich bin ein Wrack (sorry)
  • Und am Ende der ultimative Todesstoß: ich bin eine schlechte Mutter und mein Mann (falls vorhanden) wird mich für eine andere, die viel schöner und toller ist als ich, sitzen lassen. Für diejenigen ohne Partner: SO finde ich nie jemanden.

Wahrscheinlich fehlen in der Aufzählung noch so einige Punkte. Und nichts davon stimmt !!!

Ich bekomme recht viele Emails, in denen ich tagtäglich Frauen beruhigen muß, weil sie denken, sie sind nicht normal, der Bauch ist nicht normal, sie machen alles falsch, aber sie wissen nicht, was stattdessen.

Das Erste, das ich immer sage, ist: Keine Panik, alles gut.

Eine Norm, nach einer Geburt, gibt es nicht. Außer, dass es länger dauert als alle denken. Viel viel länger. Was die meisten schon hinter sich haben ist Training, das null und nichts gebracht hat oder, im Zweifel, sogar alles schlimmer gemacht hat. Und halt die vielen Informationen, die es online gibt, die alle in den Irrsinn treiben. Laßt Euch nicht verrückt machen. Das meiste, das Ihr seht, ist nicht normal und vieles gefaket.

 

Ich möchte hier in meiner Funktion als "Informant", der an der Quelle des Geschehens sitzt, unbedingt weiter geben, dass es ganz wichtig ist, sich nach der Geburt und auch 2-3 Jahre danach, nicht zu hetzen und sich Zeit zu lassen.

Geduld ist niemandes Stärke, würde ich mal sagen, aber eine andere Wahl bleibt halt leider nicht. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht ;) und Männer, die weg laufen, wären eh weg gelaufen. Mit oder ohne Kind/Bauch/Kilos.

 

Eine Teilnehmerin aus einem Kurs hat mir erzählt, dass sie jeden Tag ins Fitness Studio rennt, "weil die Konkurrenz nicht schläft". 

Der Mann einer ganz frischen Mama auf der Wochenstation fragt mich: "Wann passt meine Frau wieder in ihre Jeans?". Meine Antwort: "Wann passen Sie wieder in ihre Jeans?".

Der nächste Ehemann, seines Zeichens Sportlehrer, sagt: "Mit nem bißchen Training kriegen wir meine Frau ja hoffentlich wieder hin. Wissen Sie, sie ist ein bißchen faul". Meine Antwort: "Wenn Männer Kinder kriegen würden, wären wir ausgestorben".

Der übernächste sagt zu mir: "Könnten Sie mich ein bißchen massieren? Das war jetzt echt anstrengend".....

Noch Fragen? Das war jetzt nur ein klitzekleiner Exkurs in die Realitäten, in denen wir uns aufhalten. Und ich frage mich ein ums andere Mal, woher kommen solche Bemerkungen? Wenn man jetzt mal nicht unterstellt, diese Männer meinen es böse.

Es ist einfach überall verbreitet, dass ein bißchen geturnt wird und alles ist wieder perfekt oder am besten noch besser als vorher. Ein Sixpack, wo vorher noch nie eins war. Der Traum von der schlanken, dünnen Mama am Tag nach der Geburt.

Diese absurde Vorstellung muß ja irgendwo her kommen. Ich denke, das ist ganz einfach der allgemeine Tenor in der Gesellschaft, den sich die Fitness Industrie sehr zu Nutzen macht und der voll in die verunsicherte Magengrube (im wahrsten Sinne des Wortes) sämtlicher frischer Mütter trifft.

 

Es gibt natürlich Gott sei Dank auch die anderen Männer und Menschen, die sehr verständnisvoll und unterstützend sind und so etwas wie oben beschrieben niemals sagen würden, weil das sehr verletzende Bemerkungen sind. Ganz besonders gleich nach einer Geburt. Das geht schon unter die Gürtellinie in so einem verletzlichen Zustand. Und, genau genommen, sonst eigentlich auch....

Es mögen Einzelfälle gewesen sein. Ich möchte um Gottes Willen keinem Mann Schlechtes nachsagen. Wirklich nicht.

Es sind ja auch Frauen, die in die selbe Kerbe schlagen. Bei denen alles immer super läuft und die zur Geburt gejoggt sind...... die den anderen das Gefühl geben, sie kriegen ja null auf die Reihe. So Leute braucht man nicht in seinem Umfeld. 

 

Aber es gibt sie, die Menschen, die einem Trost spenden und bei denen man sich nicht wie ein Loser fühlt, nur weil man nicht "perfekt" ist. Kein Mensch ist perfekt. Und mit Kind und Hormonchaos schon 10x nicht.

 

 

Es ist nicht gut sich so viel Druck zu machen. Als Rat kann ich nur sagen, nehmt den Turbo raus und geht eine Baustelle nach der anderen an. Und wenn nicht, macht's auch nichts. Dann halt morgen. Oder in ein paar Wochen oder irgendwann. Oder gar nicht.

Und vor allem, vergleicht Euch nicht mit anderen Frauen. Jede hat ihr eigenes Päckchen zu tragen und tauschen wäre nicht besser. 

Die Sixpack-nach-sechs-Wochen-Frauen treiben Schindluder mit ihrer Gesundheit. Das brauchen wir nicht.

Kopf hoch alles wird gut. Wenn nicht heute, dann morgen oder irgendwann. Da bin ich mir ganz sicher.

 

 

Ich möchte Euch noch einen Film ans Herz legen, falls Ihr ihn noch nicht kennt. Der ist wahnsinnig gut.

 

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